Während in Deutschland die
Schneestürme wüten, hat Griechenland vergessen, dass Winter ist. 22° C und strahlender
Sonnenschein sind sogar für Kreta untypisch. Das Wetter soll nicht ungenutzt
bleiben und so machen wir uns auf den Weg in eine Schlucht mit dem sympathischen
Namen „Schlucht der Toten“. Tatsächlich fand in eben jener Schlucht, die
offiziell Kato Zakros Schlucht heißt, auch der Geopark-Trail vor genau vier
Monaten statt. Damals sind wir oberhalb der Schlucht entlanggewandert, jetzt
möchte ich den Canyon aber auch von innen sehen.

Der Osten Kretas ist trocken, es gibt
abgesehen von Olivenbäumen an den meisten Orten keine größeren Bäume, sondern
eher niedriges Buschwerk und Gestrüpp. Umso stärker fühle ich den Kontrast beim
Hinabsteigen in die Schlucht. Plötzlich gibt es große Platanen, jetzt kahl,
aber im Sommer wohltuenden Schatten spendend. Der Fluss plätschert munter vor
sich hin, sammelt sich in kleinen Seen und kaskadenartigen Wasserfällen.
Irgendwann öffnet sich die
Schlucht, die Bäume verschwinden und eröffnen den Blick auf die steilen
Felshänge. Das zerklüftete Gestein bietet zahlreichen Vögeln einen Lebensraum.
Vor allem Greifvögel wie Bartgeier, Gänsegeier oder Eleonorenfalken brüten
gerne in den Canyons. Der Eleonorenfalke ist ein Zugvogel und ganze 85% seiner
Weltpopulation nistet hier in der Ägäis und auf Kreta.
Neben seiner Biodiversität hat
die Schlucht aber auch ein bedeutendes historisches Erbe. In den zahlreichen Höhlen
in den Steilhängen wurden mehrere minoische Gräber gefunden. Daher stammt auch
der zweite Name der Kato Zakros Schlucht: O Φαράγγι των Νεκρών oder die
Schlucht der Toten. Auch die Überreste der minoischen Siedlung Lenika finden
sich auf dem Weg.
Es ist toll, den Geopark Manager
dabeizuhaben, denn zu viele Details würde ich ohne seine Hinweise übersehen.
Gut, mittlerweile fallen mir zumindest die typischsten Kräuter wie Salbei,
Oregano oder Thymian auf, aber dank seiner Expertise lerne ich auch viel über
seltene und endemische Pflanzen.
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| Tulipa Cretica, schwer zu fotografieren... |
Auch die geologische Besonderheit der Schlucht
wäre mir wohl entgangen: die Kato Zakros Abscherung. Viele Geosites des Parks
hängen mit tektonischen Verschiebungen zusammen, so auch hier. Die
vorherrschende Gesteinsschicht der Region besteht aus Tripolitsa Kalkstein.
Durch Plattentektonik wurde diese Schicht über eine Schicht des violetten Phyllit-Quarzits
geschoben, der Farbkontrast der beiden Gesteinsschichten ist an einigen Stellen
besonders deutlich. Auch die Entstehung der zahlreichen Quellen ist
tektonischen Verschiebungen geschuldet.

Schließlich erreichen wir das
Ende der Schlucht, dass wir ja schon von unserem ersten Ausflug hierher kennen.
Stellt sich nur die Frage, wie wir zurückkommen. Eigentlich hätte ich kein
Problem damit, die paar Kilometer wieder zurück zu wandern, aber stattdessen
folgen wir der Straße Richtung Zakros. Auf diese Art und Weise sehen wir nicht
nur die eindrucksvolle Öffnung der Schlucht aus etwas Entfernung, sondern auch horizontale
Linien: die Meeresterrassen. Hier wurden zahlreiche Fossilien gefunden: Korallen
und Muscheln, größere Säugetiere wie Hirsche und Flusspferde und sogar Überreste
eines Deinotherium Giganteums. Letztere sind wohl die beeindruckendsten Tiere,
die in der Ägäis gelebt haben. Bis zu vier Meter hoch und sechs Meter lang sind
die Giganten geworden, ausgestorben vor etwa 8 Millionen Jahren. Sie waren mit
den Elefanten verwandt, hatten allerdings nach innen gedrehte Stoßzähne.
Vielleicht sind sie deshalb ausgestorben, ich kann mir nämlich nicht
vorstellen, dass diese unpraktischen Zähne einen evolutionären Vorteil mit sich
brachten…
Einen kleinen Abstecher zum Chiona
Feuchtgebiet machen wir auch noch. Was aussieht wie ein überfluteter Parkplatz
ist ein wichtiges Schutzgebiet. Der flache Salzwassersee wird im Winter über
einen Verbindungskanal zum Meer geflutet und zusätzlich durch Süßwasser von der
Oberfläche gespeist. Im Geopark gibt es 12 natürliche und 5 künstlich angelegte
Feuchtgebiete, alle sind wichtige Ökosysteme und stehen deshalb als WWF
Wetlands unter Schutz.
Leider hatte ich während meines Freiwilligendienstes
nicht so viele Möglichkeiten, tatsächlich den Geopark zu sehen. Umso schöner
war der heutige Ausflug, denn er hat uns auch bei der Arbeit an unserem Projekt
weitergebracht. Das Homeoffice nutzen Hanna und ich nämlich dafür, einen
Reiseführer für Kinder zu schreiben und Teil davon ist eine kleine Schnitzeljagd
durch die Kato Zakros Schlucht. Ich hoffe auf jeden Fall, bald wieder raus in
die Natur zu können!