Dienstag, 9. Februar 2021

Die Schlucht der Toten

Während in Deutschland die Schneestürme wüten, hat Griechenland vergessen, dass Winter ist. 22° C und strahlender Sonnenschein sind sogar für Kreta untypisch. Das Wetter soll nicht ungenutzt bleiben und so machen wir uns auf den Weg in eine Schlucht mit dem sympathischen Namen „Schlucht der Toten“. Tatsächlich fand in eben jener Schlucht, die offiziell Kato Zakros Schlucht heißt, auch der Geopark-Trail vor genau vier Monaten statt. Damals sind wir oberhalb der Schlucht entlanggewandert, jetzt möchte ich den Canyon aber auch von innen sehen.

Der Osten Kretas ist trocken, es gibt abgesehen von Olivenbäumen an den meisten Orten keine größeren Bäume, sondern eher niedriges Buschwerk und Gestrüpp. Umso stärker fühle ich den Kontrast beim Hinabsteigen in die Schlucht. Plötzlich gibt es große Platanen, jetzt kahl, aber im Sommer wohltuenden Schatten spendend. Der Fluss plätschert munter vor sich hin, sammelt sich in kleinen Seen und kaskadenartigen Wasserfällen.

Irgendwann öffnet sich die Schlucht, die Bäume verschwinden und eröffnen den Blick auf die steilen Felshänge. Das zerklüftete Gestein bietet zahlreichen Vögeln einen Lebensraum. Vor allem Greifvögel wie Bartgeier, Gänsegeier oder Eleonorenfalken brüten gerne in den Canyons. Der Eleonorenfalke ist ein Zugvogel und ganze 85% seiner Weltpopulation nistet hier in der Ägäis und auf Kreta.



Neben seiner Biodiversität hat die Schlucht aber auch ein bedeutendes historisches Erbe. In den zahlreichen Höhlen in den Steilhängen wurden mehrere minoische Gräber gefunden. Daher stammt auch der zweite Name der Kato Zakros Schlucht: O Φαράγγι των Νεκρών oder die Schlucht der Toten. Auch die Überreste der minoischen Siedlung Lenika finden sich auf dem Weg.

Es ist toll, den Geopark Manager dabeizuhaben, denn zu viele Details würde ich ohne seine Hinweise übersehen. Gut, mittlerweile fallen mir zumindest die typischsten Kräuter wie Salbei, Oregano oder Thymian auf, aber dank seiner Expertise lerne ich auch viel über seltene und endemische Pflanzen.


Tulipa Cretica, schwer zu fotografieren...

Auch die geologische Besonderheit der Schlucht wäre mir wohl entgangen: die Kato Zakros Abscherung. Viele Geosites des Parks hängen mit tektonischen Verschiebungen zusammen, so auch hier. Die vorherrschende Gesteinsschicht der Region besteht aus Tripolitsa Kalkstein. Durch Plattentektonik wurde diese Schicht über eine Schicht des violetten Phyllit-Quarzits geschoben, der Farbkontrast der beiden Gesteinsschichten ist an einigen Stellen besonders deutlich. Auch die Entstehung der zahlreichen Quellen ist tektonischen Verschiebungen geschuldet.

Schließlich erreichen wir das Ende der Schlucht, dass wir ja schon von unserem ersten Ausflug hierher kennen. Stellt sich nur die Frage, wie wir zurückkommen. Eigentlich hätte ich kein Problem damit, die paar Kilometer wieder zurück zu wandern, aber stattdessen folgen wir der Straße Richtung Zakros. Auf diese Art und Weise sehen wir nicht nur die eindrucksvolle Öffnung der Schlucht aus etwas Entfernung, sondern auch horizontale Linien: die Meeresterrassen. Hier wurden zahlreiche Fossilien gefunden: Korallen und Muscheln, größere Säugetiere wie Hirsche und Flusspferde und sogar Überreste eines Deinotherium Giganteums. Letztere sind wohl die beeindruckendsten Tiere, die in der Ägäis gelebt haben. Bis zu vier Meter hoch und sechs Meter lang sind die Giganten geworden, ausgestorben vor etwa 8 Millionen Jahren. Sie waren mit den Elefanten verwandt, hatten allerdings nach innen gedrehte Stoßzähne. Vielleicht sind sie deshalb ausgestorben, ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass diese unpraktischen Zähne einen evolutionären Vorteil mit sich brachten…

Einen kleinen Abstecher zum Chiona Feuchtgebiet machen wir auch noch. Was aussieht wie ein überfluteter Parkplatz ist ein wichtiges Schutzgebiet. Der flache Salzwassersee wird im Winter über einen Verbindungskanal zum Meer geflutet und zusätzlich durch Süßwasser von der Oberfläche gespeist. Im Geopark gibt es 12 natürliche und 5 künstlich angelegte Feuchtgebiete, alle sind wichtige Ökosysteme und stehen deshalb als WWF Wetlands unter Schutz.


Leider hatte ich während meines Freiwilligendienstes nicht so viele Möglichkeiten, tatsächlich den Geopark zu sehen. Umso schöner war der heutige Ausflug, denn er hat uns auch bei der Arbeit an unserem Projekt weitergebracht. Das Homeoffice nutzen Hanna und ich nämlich dafür, einen Reiseführer für Kinder zu schreiben und Teil davon ist eine kleine Schnitzeljagd durch die Kato Zakros Schlucht. Ich hoffe auf jeden Fall, bald wieder raus in die Natur zu können!

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