Kleiner (Ost-)Kreta Führer

An dieser Stelle möchte ich einige Fakten über Kreta und den Sitia UNESCO Global Geopark zusammenfassen, um einen generellen Überblick über meinen Aufenthaltsort zu bieten. Kurz vorweg: Sitia ist sowohl der Name der Stadt, in der ich wohne, als auch der Name der Gemeinde, die sich über Ost-Kreta erstreckt und fast gesamt zum Gebiet des Geoparks gehört. Die Fläche des Geoparks beträgt 517 km2. Aufgrund seiner einzigartigen Geologie, Flora und Fauna sowie seiner Vielzahl an archäologischen Stätten steht das Gebiet seit 2015 als UNESCO Global Geopark unter besonderem Schutz und ist außerdem Teil des europäischen NATURA-2000-Netzwerks. 

Karte des Sitia UGG


 

Die Geschichte der Insel

Die Menschen haben auf der Insel ihre Spuren hinterlassen und es gibt zahlreiche Stätten von großer archäologischer Bedeutung, die an vergangene Zeitalter erinnern. Der karstige Osten Kretas mit seinen zahlreichen Höhlen bot schon den Menschen der Jungsteinzeit Schutz, in vielen der Höhlen auf dem Gebiet des Geoparks wurden Funde aus dem Neolithikum entdeckt.

Die Schiffsprozession oder der Flottillenfries
in Akroteri, Thera (Detail)
In der Bronzezeit galt Kreta als Tor zu den östlichen Häfen des Mittelmeers und gewann an Bedeutung für den wohlstandbringenden Handel. Doch diese Blüte währte nicht ewig, denn von der Mitte des 7. Jahrhunderts n.Chr. an wurde die Bedrohung durch die Araber immer erdrückender. Die kretischen Ufer litten unter den Überfällen der arabischen Flotte und der wirtschaftlichen Unterdrückung der lokalen Bevölkerung.

Aufgrund seiner Lage als zentrale Schnittstelle verschiedener Handelsstraßen im Mittelmeer weckte Kreta schließlich auch das Interesse venezianischer Händler. Durch die Einnahme der Insel konnte Venedig sich die Dominanz über den Mittelmeerraum sichern. Der Eroberung Kretas im Jahr 1204 folgten über 200 Jahre Widerstand gegen die Besatzer, bis schließlich die ganze Insel fest unter Herrschaft der Venezier war. In Sitia zeugt das venezianische Fort Kazarma von dieser Epoche. Während der venezianischen Herrschaft litten die Städte und Dörfer Ostkretas unter Erdbeben und den ständigen Überfällen von Seeräubern. Sitia wurde insgesamt dreimal zerstört: zweimal durch Erdbeben und einmal durch den Seeräuber Hayreddin Barbarossa.

Das venezianische Fort Kazarma in Sitia.

Auf die venezianische Besatzung folgte eine osmanische um das Jahr 1648. Trotz oder gerade wegen der allgegenwärtigen Bedrohung leisteten Christen in einigen Dörfern und Klöstern (z.B. im Toplou-Kloster) Widerstand. Nicht so in Sitia, das auch im Unabhängigkeitskrieg 1821 wenig Widerstand leistete, da viele seiner Bewohner zum Islam konvertiert waren.

Wappen des Kretischen Staates, der de facto als
Britisch-französisch-italienisches Protektorat von
 1898-1913 unabhängig von Griechenland war.
Als Folge der Befreiung von den Besatzern stellten die vier Großmächte Frankreich, Italien, Großbritannien und Russland die Insel unter ihren Schutz gegen das Osmanische Reich, der östliche Regierungsbezirk Lasithi, in dem Sitia liegt, stand unter französischem Schutz.

Einige Jahrzehnte später, im Jahr 1913, wurde Kreta dann offiziell von Griechenland annektiert. Es folgte noch eine Besetzung der Insel durch die Italiener 1941 bis zur Ankunft der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, seitdem unterscheidet sich die Geschichte Kretas aber nicht viel von der des restlichen Griechenlands.

 

Kultur und Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat auf Kreta eine lange Tradition, vor allem der Anbau von Oliven und Trauben dominiert die Landschaft. Fast jeder, den ich kennengelernt habe, besitzt irgendwo in der Region Sitia ein paar Hundert Olivenbäume, egal ob Imker, Café-Besitzer oder Lehrer. Sitias Olivenöl gilt als sehr hochwertig und wird weltweit verkauft. Die bergige und halbbergige Landschaft Ostkretas eignet sich aber auch für den Weinanbau, hergestellt werden neben Tafeltrauben und Rosinen natürlich auch Wein und Raki!

 

Eine einzigartige Landschaft

Die Straßen auf Kreta sind sehr kurvig und schlängeln sich durch die Berge und Schluchten, weshalb man trotz der guten Straßen wirklich lange braucht, um von A nach B zu kommen. Das macht aber nichts, denn auf der Autofahrt hat man immer einiges zu sehen. Innerhalb weniger Meter ändert sich die Landschaft abrupt: aus karger bergiger Landschaft werden grüne Hügel und plötzlich tiefe Schluchten. Sitia ist auch aufgrund seiner besonderen Ökotope zum Geopark geworden, zum Beispiel den Salzseen, Küstenfeuchtgebieten oder dem berühmten Palmenwald Vai.

Auf den ersten Blick mag die aus niedrigen Sträuchern und Büschen bestehende Vegetation langweilig karg erscheinen, aber beim näheren Hinsehen finden sich die verschiedensten Pflanzen und Kräuter. Thymian, Basilikum, Oregano, Salbei: die Natur hat einen einzigartigen Duft. Bio-Wissen aus der Schule: der Grad der Isolation, die geologische Geschichte, das gebirgige Gelände und die Größe der Insel haben auf Kreta zu einer ausgeprägten Flora und Fauna geführt. Die Insel beheimatet mehrere tausend Tierarten, wobei die Zahl der einheimischen Arten in verschiedenen Gruppen sehr groß ist. Auch in der Pflanzenwelt gibt es einen großen Anteil endemischer Arten etwa 10%.

Die Reaktion auf meine Aussage, dass ich in einem Geopark arbeite, war oft etwas irritiert. Geopark, was soll das sein? Letztendlich ist es ein Naturschutzgebiet mit besonderem Fokus auf das geologische Erbe einer Region, also die (unbelebte) Landschaft. Gleichzeitig sollen Natur und Landschaft für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Gemeinden genutzt werden, beispielsweise durch Formen des alternativen Tourismus (z.B. Geo- oder Ökotourismus, Agrartourismus, …) Hobby-Geologen werden sicher ihren Spaß an den tektonischen Landschaftsstrukturen sowie an den fossilienreichen Gesteinen haben, aber auch so hat der Geopark einiges zu bieten.

Die raue Landschaft Sitias eignet sich besonders gut für diese Art des Tourismus: wandern entlang von beeindruckenden Felsformationen und Landschaftsreliefs, Klettern in den schroffen Karstfelsen, Fahrradfahren, Canyoning durch wunderschöne Schluchten, Windsurfen an traumhaften Stränden und natürlich Höhlenforschung! Letzteres war einer der Hauptgründe, warum ich unbedingt nach Sitia wollte. Coronabedingt konnte ich mir leider noch keinen eigenen Eindruck machen, aber ich habe schon viel von der Speläologie in der Gegend gelesen und gesehen.

 



 

Karte des Geoparks

http://www.cretesitia.gr/index.php/en/natural-beauty-resources-of-sitia/sitia-nature-park

Die Schiffsprozession in Akroteri: 

0minoan-ships-in-thera-.jpg (1024×661) (wordpress.com)

Wappen des Kretischen Staats: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kretischer_Staat#/media/Datei:Coat_of_arms_of_the_Cretan_State.svg

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