2020 – ein Jahr, in dem ohne Zweifel die Covid-19 Pandemie tagtäglich den Alltag und den Fokus der Medien für sich beanspruchte. Doch am 9. September gingen noch ganz andere Bilder durch die Nachrichten und das Augenmerk der Weltöffentlichkeit richtete sich auf den „Hotspot Europas“. Das Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos ging in Flammen auf. Schreckliche Bilder lösten Mitleid und Diskussionen aus, wie sollte darauf reagiert werden? Wieviel Verständnis sollte den Brandstiftern entgegengebracht werden, die die Lage für Tausende Menschen verschlimmert haben? Andererseits, wer kann es ihnen verübeln - die Verzweiflung darüber, in einem Camp zu leben, dass zeitweise zehnfach überbelegt war? Doch so präsent wie das Thema für einige Zeit war, so schnell verschwand es auch wieder aus der Öffentlichkeit.
Für die Geflüchteten hat sich die
Situation um ein Vielfaches verschlimmert. Sie leben jetzt in Camps wie Kara
Tepe, ohne angemessene Wasserversorgung, Elektrizität, Heizung. Der Winter bringt
Regen und die dünnen Sommerzelte können die Kälte nicht aufhalten. Hygienemaßnahmen
und medizinische Versorgung sind äußerst mangelhaft und die griechische
Regierung verbirgt die Zustände so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit. Journalisten
wird der Zutritt zu den Camps erschwert und auch wenn im ganzen Land die Corona-Maßnahmen
gelockert werden, die Lager bleiben dicht.
Trotzdem ist der Aufschrei des 9.
Septembers längst verhallt, von Moria wird kaum noch gesprochen. Ich möchte
mich nicht ausnehmen, natürlich wusste ich auch schon vorher von der
Flüchtlingskrise. Aber auch mir war nicht bewusst, wie schlimm die Zustände
sind. Umso dankbarer war ich für den Austausch mit verschiedenen Aktivisten im
Rahmen des kulturweit-Zwischenseminars. Neben der Reflektion unseres bisherigen
Freiwilligendienstes sollte es auch um dieses wichtige, gesellschaftspolitische
Thema gehen.
Wir hatten die großartige Gelegenheit,
mit der jungen Aktivistin Parwana Amiri zu sprechen. Parwana floh im August
2019 aus Afghanistan und lebte für vier Monate in Moria, bevor sie mit ihrer
Familie nach Ritsona verlegt wurde. Mit einer unglaublich inspirierenden Tatkraft
setzte sie sich für eine Verbesserung der Umstände ein, wurde zur Lehrerin, weil
sie sich selbst nichts mehr wünschte, als wieder zur Schule zu gehen. Gemeinsam
mit Marily Stroux von der NGO Alarmphone, die ebenfalls am Seminar teilnahm, gestaltete
sie ein kleines Bilderbuch: „The Old Woman and the Olive Tree“. Das Buch ist
für eine kleine Spende von $4 erhältlich, die Erlöse gehen an weitere Projekte.
Link: Pixi: “The Olive Tree and The Old
Woman” | Welcome 2 Lesvos (w2eu.net)
Parwana ist aber auch selbst-erklärte
Reporterin und Autorin. Sie veröffentlicht Geschichten und Berichtete in ihren „Letters
to the world from Moria” und seit einiger Zeit „from Ritsona“, dem Flüchtlingscamp
bei Athen, in dem sie jetzt lebt. Mich hat schon lange nichts mehr so sehr
berührt wie ihre Texte und ich kann sie nur jedem ans Herz legen. Link: Letter to the world from Moria
hotspot (No. 1) « Infomobile (w2eu.net)
Ein Satz Parwanas hallt immer noch nach: „Your reality is our dream“. Es soll kein Vorwurf sein, sondern eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, wie privilegiert wir sind, wie glücklich wir uns schätzen können. Die Menschen in den Camps auf Moria und all den anderen wollen nur, was wir für uns als selbstverständlich ansehen, was ihnen durch die Würde des Menschen zusteht. Freiheit, Sicherheit, Bildung und menschenwürdige Lebensumstände.
Wer sich mehr mit der
Lebenssituation der Geflüchteten auseinandersetzen möchte, dem möchte ich noch
ein paar Empfehlungen und Links zur Verfügung stellen. Einen sehr interessanter
Podcast von Ärzte ohne Grenzen gibt es unter Podcast
Notaufnahme - Folge 7: Der Schandfleck Europas (aerzte-ohne-grenzen.de) und
eine künstlerisch-abstrakte Auseinandersetzung mit dem Begriff „Schlepper“ gibt
es in der „Schlepperoper“ unter Orpheus
in der Oberwelt. Eine Schlepperoper (ard.de) .
Neben Parwana als direkt Betroffene
konnten wir auch mit einer Forscherin des Feminist Autonomous Research
Center sprechen, die uns einen eher wissenschaftlichen Einblick geben
konnte, und mit der Gründerin der NGO Action for Women, die uns speziell
für die Situation der Frauen sensibilisierte. Zu viele Frauen flüchten vor Prostitution,
Vergewaltigung und dem Verstoß aus einer grausamen, patriarchischen
Gesellschaft aus ihrer Heimat, nur um feststellen zu müssen, dass auch der
angeblich sichere Hafen Europa nicht unbedingt eine Verbesserung ihrer Lage
bedeutet.






