Sonntag, 31. Januar 2021

Your reality is our dream

2020 – ein Jahr, in dem ohne Zweifel die Covid-19 Pandemie tagtäglich den Alltag und den Fokus der Medien für sich beanspruchte. Doch am 9. September gingen noch ganz andere Bilder durch die Nachrichten und das Augenmerk der Weltöffentlichkeit richtete sich auf den „Hotspot Europas“. Das Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos ging in Flammen auf. Schreckliche Bilder lösten Mitleid und Diskussionen aus, wie sollte darauf reagiert werden? Wieviel Verständnis sollte den Brandstiftern entgegengebracht werden, die die Lage für Tausende Menschen verschlimmert haben? Andererseits, wer kann es ihnen verübeln - die Verzweiflung darüber, in einem Camp zu leben, dass zeitweise zehnfach überbelegt war? Doch so präsent wie das Thema für einige Zeit war, so schnell verschwand es auch wieder aus der Öffentlichkeit.

Für die Geflüchteten hat sich die Situation um ein Vielfaches verschlimmert. Sie leben jetzt in Camps wie Kara Tepe, ohne angemessene Wasserversorgung, Elektrizität, Heizung. Der Winter bringt Regen und die dünnen Sommerzelte können die Kälte nicht aufhalten. Hygienemaßnahmen und medizinische Versorgung sind äußerst mangelhaft und die griechische Regierung verbirgt die Zustände so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit. Journalisten wird der Zutritt zu den Camps erschwert und auch wenn im ganzen Land die Corona-Maßnahmen gelockert werden, die Lager bleiben dicht.

Trotzdem ist der Aufschrei des 9. Septembers längst verhallt, von Moria wird kaum noch gesprochen. Ich möchte mich nicht ausnehmen, natürlich wusste ich auch schon vorher von der Flüchtlingskrise. Aber auch mir war nicht bewusst, wie schlimm die Zustände sind. Umso dankbarer war ich für den Austausch mit verschiedenen Aktivisten im Rahmen des kulturweit-Zwischenseminars. Neben der Reflektion unseres bisherigen Freiwilligendienstes sollte es auch um dieses wichtige, gesellschaftspolitische Thema gehen.

Wir hatten die großartige Gelegenheit, mit der jungen Aktivistin Parwana Amiri zu sprechen. Parwana floh im August 2019 aus Afghanistan und lebte für vier Monate in Moria, bevor sie mit ihrer Familie nach Ritsona verlegt wurde. Mit einer unglaublich inspirierenden Tatkraft setzte sie sich für eine Verbesserung der Umstände ein, wurde zur Lehrerin, weil sie sich selbst nichts mehr wünschte, als wieder zur Schule zu gehen. Gemeinsam mit Marily Stroux von der NGO Alarmphone, die ebenfalls am Seminar teilnahm, gestaltete sie ein kleines Bilderbuch: „The Old Woman and the Olive Tree“. Das Buch ist für eine kleine Spende von $4 erhältlich, die Erlöse gehen an weitere Projekte. Link: Pixi: “The Olive Tree and The Old Woman” | Welcome 2 Lesvos (w2eu.net)

Parwana ist aber auch selbst-erklärte Reporterin und Autorin. Sie veröffentlicht Geschichten und Berichtete in ihren „Letters to the world from Moria” und seit einiger Zeit „from Ritsona“, dem Flüchtlingscamp bei Athen, in dem sie jetzt lebt. Mich hat schon lange nichts mehr so sehr berührt wie ihre Texte und ich kann sie nur jedem ans Herz legen. Link: Letter to the world from Moria hotspot (No. 1) « Infomobile (w2eu.net)

Ein Satz Parwanas hallt immer noch nach: „Your reality is our dream“. Es soll kein Vorwurf sein, sondern eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, wie privilegiert wir sind, wie glücklich wir uns schätzen können. Die Menschen in den Camps auf Moria und all den anderen wollen nur, was wir für uns als selbstverständlich ansehen, was ihnen durch die Würde des Menschen zusteht. Freiheit, Sicherheit, Bildung und menschenwürdige Lebensumstände.

Wer sich mehr mit der Lebenssituation der Geflüchteten auseinandersetzen möchte, dem möchte ich noch ein paar Empfehlungen und Links zur Verfügung stellen. Einen sehr interessanter Podcast von Ärzte ohne Grenzen gibt es unter Podcast Notaufnahme - Folge 7: Der Schandfleck Europas (aerzte-ohne-grenzen.de) und eine künstlerisch-abstrakte Auseinandersetzung mit dem Begriff „Schlepper“ gibt es in der „Schlepperoper“ unter Orpheus in der Oberwelt. Eine Schlepperoper (ard.de) .

Neben Parwana als direkt Betroffene konnten wir auch mit einer Forscherin des Feminist Autonomous Research Center sprechen, die uns einen eher wissenschaftlichen Einblick geben konnte, und mit der Gründerin der NGO Action for Women, die uns speziell für die Situation der Frauen sensibilisierte. Zu viele Frauen flüchten vor Prostitution, Vergewaltigung und dem Verstoß aus einer grausamen, patriarchischen Gesellschaft aus ihrer Heimat, nur um feststellen zu müssen, dass auch der angeblich sichere Hafen Europa nicht unbedingt eine Verbesserung ihrer Lage bedeutet.

Sonntag, 24. Januar 2021

Kleine Zwischenbilanz

Dreieinhalb Monate bin ich jetzt schon hier, mehr als die Hälfte meiner Zeit auf Kreta ist vorbei. Es ist viel passiert, und doch irgendwie wenig. Seit drei Monaten sind wir im Lockdown, noch immer gelten Ausgangssperren, Maskenpflicht und strenge Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Ich hatte gehofft, den Geopark entdecken zu können und vielleicht auch andere Teile der Insel, doch daraus ist nichts geworden. Trotz abnehmender Zahlen wird sich die Situation vermutlich nicht bedeutend ändern. Und dennoch bin ich sehr zufrieden mit meinem Leben hier. Sicher, aufregend ist es nicht gerade und die Alltagsroutine ist manchmal auch frustrierend, aber dafür sind es die kleinen Erlebnisse und Momente, die diese unterbrechen und mich daran erinnern, wie glücklich ich mich schätzen kann, hier zu sein. Sitia ist längst zu einer dritten Heimat geworden und ich weiß, dass ich noch oft hierher zurückkommen werde. Die Strände und Museen, Schluchten und Städte, die ich besuchen wollte, laufen mir nicht davon. Außerdem habe ich Zeit, soviel Zeit, wie ich vermutlich lange nicht mehr haben werde. Zeit, um Sport zu machen, reihenweise Bücher zu lesen, Strandspaziergänge zu machen. Zeit, um aufwendig zu kochen, Ukulele zu spielen und stundenlang Griechisch zu lernen. Zeit, um das CDU-Kanzlerduell zu schauen, ich denke das spricht wirklich für sich! Auch die Arbeit macht wirklich Spaß, selbst aus dem Homeoffice heraus. Um den Geopark zugänglicher für Kinder zu gestalten, schreibe ich an einem kleinen Reiseführer, der Informationen mit Spielen, Rätseln und kleinen Aktivitäten verbindet, um nicht nur den Park selbst, sondern auch wichtige Inhalte wie den Klimawandel spielerisch an die Kinder zu vermitteln. Wir kommen gut voran, aber so ein Buch zu machen ist aufwendig: Texte schreiben, Fotos heraussuchen und notfalls selbst machen, Illustrationen über ein Computerprogramm gestalten, sich den Kopf über das Layout zerbrechen.

Ja, die Umstände hätten besser sein können, aber sich an dem aufzuhängen, was hätte sein können nützt nichts. Stattdessen versuche ich, soviel aus meiner Erfahrung mitzunehmen, wie es eben geht.

Freitag, 8. Januar 2021

Ein kleiner Ausflug in die Berge

Aufgrund des Lockdowns sind Ausflüge kaum möglich. Trotzdem hatten wir die Gelegenheit, die Landschaft westlich von Sitia ein wenig zu erkunden.

Am Ende der Agioi Pantes Schlucht hat der Wind bizarre Landformen geschaffen: durch Erosion entstanden zerklüftete Felssäulen, der weiße Fels im starken Kontrast zum strahlend blauen Himmel an diesem schönen Tag.



 Normalerweise zieht das Kloster Panagia Faneromeni zahlreiche Besucher und Pilger an, zurzeit ist alles still. Es befindet sich nahe der Agioi Pantes Schlucht, in dessen Höhlen einst Einsiedler des Klosters lebten. Im Herzen des Klosters befindet sich eine kleine Kirche mit alten Freskos aus dem Jahr 1455, doch viele sind zerstört. Vermutlich waren es die türkischen Besetzer, die hier wie an zahlreichen anderen Orten die Bilder mit Feuer schwärzten und den Heiligen die Augen auskratzten.

Direkt hinter der Kirche befindet sich eine kleine Höhle, die „Eremitenhöhle“. Der Überlieferung nach fand einst ein Schäfer eine Ikone der Jungfrau Maria in dieser Höhle. Er nahm sie mit und brachte sie nach Hause zu seiner Frau, doch als er seine Tasche öffnete, war sie verschwunden. Am nächsten Tag besuchte er die Höhle erneut und fand das Bild an derselben Stelle. Er versuchte es wieder und wieder, bis er schließlich erkannte, dass es der Wille der Jungfrau Maria war, dort zu bleiben. Daraufhin beauftragte er zwei Mönche mit dem Bau des Klosters. Bis heute befindet sich das Bild der Maria in der kleinen Höhle und auch der Name des Klosters Faneromeni (=Enthüllte) leitet sich davon ab.

Die Eremitenhöhle mit dem Bild der
Heiligen Maria


Ein Stück weiter, am Meer sehe ich immer wieder Menschen, die gebückt durch die karge Landschaft trotten, immer mal wieder anhalten und etwas zu suchen scheinen. Es ist die Zeit der Wildkräuter, die einen elementaren Teil des kretischen Speiseplans ausmachen. Uns wird gezeigt, wie man Stamnagathi erntet, die „stachelige Wegwarte“. Das ist allerdings gar nicht so einfach, denn die grünen Blättchen verstecken sich zwischen Dornen, so wie das fast alle Pflanzen hier tun. Bald haben wir den Dreh raus und es gibt zum Abendessen einen leckeren Stamnagathi-Salat! Das Kraut wächst übrigens nur in Küstennähe, denn sie braucht den hohen Salzgehalt. (In der Spalte „Kleiner Food-Blog“ findet sich natürlich auch hierzu noch einen Eintrag.)


Sonntag, 3. Januar 2021

Fossilien am Vathi Potamos Fjord

Grundkurs Plattentektonik: Vor sehr langer Zeit bestand die Landfläche der Erde aus einer riesigen Platte namens Pangea, die vor etwa 500 Millionen Jahren auseinanderbrach. Das Land, das heute Kreta ist, war vom Tethys-Meer bedeckt. Vor etwa 130 – 150 Millionen Jahren wurde Kreta durch Verschiebungen an die Oberfläche gedrückt.

Da die Insel so lange von Wassermassen bedeckt war, sind in jeglichen Gesteinsschichten massenweise Fossilien enthalten, vor allem Muscheln, Seeigel und Korallen, aber auch kleinere Fische und größere Säugetiere aus späterer Zeit.

Übrigens macht sich die Lage Kretas an zwei Plattengrenzen regelmäßig durch kleinere Erdbeben bemerkbar. Seltsamerweise kriegen wir das nie so richtig mit, ein Erdbeben der Stärke 4.8 haben wir beim Spazieren überhaupt nicht bemerkt, bei einem anderen der Stärke 3.9 bin ich zwar kurz aufgewacht, aber Hanna hat verschlafen…

In der Nähe von Sitia befindet sich der Vathi Potamos Fjord, eine langgezogene Bucht mit schönen Wasserhöhlen. Geht man den Küstenabschnitt entlang, findet man zahlreiche Fossilien.

 

Eine versteinerte Muschel

Clypeaster (Seeigel)


Auf der Suche nach Fossilien

Freitag, 1. Januar 2021

Der Weihnachtsmann und seine Reichensteuer

In Griechenland wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, Geschenke gibt es aber erst am Morgen des ersten Januars. Deshalb ist Weihnachten gleichzeitig auch Silvester. Eine besondere Tradition ist der Weihnachts-/Neujahrskuchen „Vassilopita“. In Griechenland ist der Heilige Vassilis der Weihnachtsmann. Im vierten Jahrhundert trieben die Römer, die über das Land herrschten, hohe Steuern ein, die aber von den armen Bauern nicht gezahlt werden konnten. Der damalige Bischof Vassilios wandte sich an die Reichen und überredete sie dazu, aus Solidarität ihre armen Mitbürger zu unterstützen. Sie gaben daraufhin Geld und Schmuck ab und beglichen damit alle Schuld. Als der Präfekt von der Großzügigkeit hörte, war er so gerührt, dass er auf die Steuern verzichtete. Da Vassilios nicht mehr wusste, wem welche Wertgegenstände gehörten, lies er sie in Kuchen einbacken und verteilte die Stücke. So bekam jeder etwas zurück und den Brauch gibt es noch immer. Heute wird allerdings nur eine Münze eingebacken und wer das richtige Stück bekommt hat Glück im neuen Jahr.
 

Und damit: καλή χρονιά! – Frohes neues Jahr!