Montag, 26. Oktober 2020

"Arbeit" für den Geopark

Unser erster Arbeitstag war Montag, der 19. Oktober. Unser Ansprechpartner vom Geopark sagte, wir sollen nach neun kommen. Wir zwei Deutschen stehen also um fünf nach neun unten am Hafen, wo sich der Geopark-Infopoint befindet. Allerdings ist „nach neun“ ja ein dehnbarer Begriff, also setzten wir uns ans Wasser und beobachten das morgendliche Treiben. Gegen zehn rufen wir dann doch mal Vangelis an; er sagt, wir sollen in einer halben Stunde kommen. Da wir ja glücklicherweise sehr nah am Hafen wohnen, gehen wir nochmal kurz nach Hause.

Zuerst statten wir dem Bürgermeister Sitias einen Besuch ab. Auf einmal sind alle ganz aufgeregt, es werden Bilder gemacht und ein kleines Interview geführt. Das Highlight sind allerdings die Süßigkeiten, die uns angeboten werden – ich habe noch nie etwas so Leckeres gegessen! Da sind Hanna und ich uns einig… Als nächstes zeigt uns Vangelis das Büro des Geoparks und das Gemeindezentrum (Kino / Bibliothek), wo wir die nächste Zeit arbeiten werden. Das war’s dann auch schon mit unserem „Arbeitstag“. In den nächsten Tagen widmen wir uns dann unserem ersten Projekt, nämlich der Übersetzung des Ecotourism Guide of Sitia Geopark. Für den Anfang ist es die perfekte Aufgabe, denn wir arbeiten entspannt und in Ruhe von 9:00 bis 14:00 Uhr und lernen bei der Übersetzung viel über Sitia und Kreta, über die Geschichte, Natur, Geologie und natürlich den Park selbst. Unser Arbeitsplatz selbst ist auch ziemlich cool, versteckt in der Ecke sitzen wir an unseren Laptops, umgeben von alten Büchern und Magazinen.

Treffen mit dem Bürgermeister Sitias


Übersetzung des Geopark-Reiseführers

Die zweite Arbeitswoche beginnt ähnlich wie die erste. Wir sind mit einer anderen Mitarbeiterin des Geoparks verabredet. Zunächst machen wir einen kleinen Spaziergang durch Sitia. Dabei erzählt sie uns viel über die Stadt und den Geopark. Sie weist uns auf kleine Details hin, für die uns bisher der Blick gefehlt hat, zum Beispiel die kleinen Fische, die im glasklaren Hafenwasser schwimmen, oder die rote Bucht, an der ich schon zweimal vorbeigerannt bin, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Vor allem aber zeigt sie uns die Kräuter, die überall wachsen. Wilder Thymian, Melisse, Basilikum, Rosmarin und Oregano. Wenn man einmal darauf achtet, sieht und vor allem riecht man sie überall! Vor einigen Tage erzählte mir jemand, wie seltsam es für ihn war, in Finnland wandern zu gehen, da die Natur dort nach nichts riecht. Hier in Sitia nimmt man seine Umgebung mit allen Sinnen wahr: man riecht die Kräuter und das Harz der Pinien, hört das Rauschen des Meeres, schmeckt das Salz in der Luft und sieht die unvergleichliche Schönheit der Umgebung.

Die Menschen hier sind sich der Schönheit ihrer Umgebung durchaus bewusst und sie wissen, wie schützenswert sie ist. Mir sind schon früher die Schilder aufgefallen, die an vielen Cafés, Tavernen, Hotels und Läden hängen: Supporter of the Geopark. Dieses Schild bekommen nur die, die Produkte verwenden oder verkaufen, die im Einvernehmen mit den Richtlinien und Grundsätzen des Geoparks hergestellt wurden; beispielsweise Käse von lokalen Ziegen oder Honig der Wildbienen. Dass die Menschen den Park unterstützen merkt man auch daran, dass es so viele ehrenamtliche Helfer gibt. Vangelis ist der Einzige, der nur im Geopark beschäftigt ist, alle anderen arbeiten für die Stadt und sind nur teilweise im Bereich des Parks tätig. Es gibt aber auch viele, die an den Wochenenden oder in ihrer freien Zeit helfen.

Nach unserem Spaziergang holen wir unsere Badesachen und gehen an den Strand. Soviel zu unserem Arbeitstag… Nach dem Schwimmen gibt es frischen Raki aus eigener Produktion (dabei ist es noch nicht mal zwölf…) ACHTUNG: ich möchte selbstverständlich keine Stereotypen und Vorurteile bekräftigen, es gibt hier durchaus Menschen die arbeiten, nur gehören wir bislang noch nicht dazu.

Sonntag, 25. Oktober 2020

Der Sonntag, an dem wir aus Versehen vier Sehenswürdigkeiten besuchten

Spontanität beziehungsweise Planlosigkeit zahlt sich aus! Nachdem wir gestern eigentlich nur gefaulenzt haben, machen wir morgens einen kleinen Spaziergang zu dem Minoischen Palast Sitias, solange es noch nicht zu warm ist. Durch Zufall treffen wir Anastasia, die zwar Griechin ist, aber seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie lädt uns freundlicherweise ein, uns mit zu ihrem Lieblingsstrand zu nehmen. Natürlich nehmen wir liebend gerne an. Vorher machen wir einen Zwischenstopp bei einem deutlich bekannteren Strand namens Vai, der bei den Touristen aufgrund seiner Palmenbäume beliebt ist. Es sieht schon toll aus, aber wir ziehen Ruhe und Ungestörtheit vor. Perfekt geeignet ist deshalb der Strand von Itanos / Erimoupolis, nur ein paar Minuten weiter. Anastasia hat nicht zu viel versprochen: der Strand ist wunderschön mit tiefblauem, glasklarem Wasser und von schroffen Felsen umgeben.

Einst stand hier die reiche Hafenstadt Itanos, deren Ruinen auch besichtigt werden können. Wie viele andere Städte fiel auch Itanos einem Erdbeben zum Opfer. Sie wurde zwar wiederaufgebaut, aber aufgrund der vielen Überfälle von Seeräubern verließen die Menschen die Stadt.

Nach diesem wunderschönen Strandtag machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Toplou-Kloster. Die historischen Gebäude sind toll restauriert und die kleinen Innenhöfe sind terrassenartig von Gängen und Treppen umgeben. Kein Wunder, dass das Kloster als eines der Top-Besucherziele gilt; ich möchte auf jeden Fall wiederkommen und mir auch die Umgebung etwas genauer anschauen.

Wir wollen uns gerade wieder auf den Rückweg machen, da blinkt die Motorkontrollleuchte auf – schlechtes Zeichen! Netterweise holt uns ein Freund von Anastasia ab und erzählt uns auf der Rückfahrt über seine spannende Arbeit im Steinbruch. So kommt dieser ungeplante, aufschlussreiche Tag zu einem interessanten Ende.

Blick auf den Strand von Erimoupoli, mittig sind auf der Halbinsel Ruinen der Stadt Itanos zu sehen


Der Palmenwald Vai


Alte Windmühle vor dem historischen Kloster Toplou

Sonntag, 18. Oktober 2020

Der Sitia Geopark Trail

Seit vier Jahren findet in Sitia der Geopark Trail statt. Allerdings nicht direkt in Sitia, sondern in Kato Zakros, einer kleinen Stadt südöstlich von hier. Wir werden morgens von einer Kindergärtnerin mitgenommen, die ehrenamtlich im Sommer und an den Wochenenden im Geopark mithilft. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde und führt durch die wunderschöne Landschaft der Sitia-Region hindurch. Die Straßen hier sind gut, aber führen so kurvig durch die Berge und Hochebenen, dass man durch deutlich mehr Zeit einplanen muss, als man denkt.

Der Geopark-Trail besteht aus einem 24km Lauf, einem 6km Lauf und einem 1km Lauf für die Kinder. Die Laufstrecke führt durch die Zakros-Schlucht, die auch den einladenden Namen „Schlucht der Toten“ trägt. In den zahlreichen Höhlen der Schlucht setzten die Minoer ihre Toten bei; die in einem Grab gefundenen Leichname stammen etwa aus der Zeit von 2300 bis 2100 v. Chr. Zusätzlich zu den Läufern gibt es auch eine Wandergruppe, der wir uns anschließen. Der Weg entspricht dem letzten Abschnitt des europäischen Fernwanderwegs E4. Unsere Gruppe besteht aus Leuten allen Alters, die einfach Freude an der Natur haben. Bei traumhaftem Wetter spazieren wir über die Hochebene, hin und wieder eröffnet sich der Blick auf den eindrucksvollen Riss in der Erde unter uns. Die Schlucht ist etwa acht Kilometer lang und verbindet den Ort Zakros mit dem minoischen Palast Kato Zakros am Meer.

Einige Höhlenforschern, zu denen ich auch schon vorher über Facebook Kontakt aufgenommen habe, sichern einige Kletterrouten am Fels, an denen ich mich natürlich auch versuche. Nach dieser Anstrengung müssen wir den restlichen Tag aber wirklich am Strand verbringen!

Kleine Corona-Anmerkung: die Einschränkungen in der Region um Sitia sind sehr gering (niedrigste Risikostufe), denn es gibt nur wenige Fallzahlen. Nur deshalb konnte der Geopark-Trail stattfinden – und war beliebter denn je! Letztes Jahr nahmen gerade mal sechzehn Läufer am 24km Lauf teil, dieses Jahr waren es über vierzig! Nachdem so viele andere Veranstaltungen ausfallen mussten, freuen sich die Menschen über jede sich bietende Gelegenheit, unter Leute zu kommen. Ansonsten besteht aber in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln Maskenpflicht, theoretisch auch in Restaurants, aber bei den Temperaturen hier sitzt man sowieso draußen. Hier ist es also deutlich unbedenklicher als in Deutschland und die Griechen achten auch darauf, dass die Touristen kein Corona anschleppen!

Unterwegs auf den Straßen Kretas

Die eindrucksvolle Zakros-Schlucht oder die "Schlucht der Toten"


Hanna und ich bei der Wanderung entlang der Schlucht

Samstag, 17. Oktober 2020

Die ersten Tage in Sitia, einer kontrastreichen Stadt

Es gibt in Sitia zwar einen kleinen Flughafen, doch dieser wird so selten angeflogen, dass ein Flug nach Heraklion deutlich einfacher ist. Von hier aus fährt ein Bus der Minoan Lines viermal täglich nach Sitia. Die Busfahrt ist schon ein Erlebnis für sich, denn auf gewundenen Straßen folgt man größtenteils der Küstenlinie. Tiefblaues Meer, wunderschöne Strände und beeindruckende Felsformationen bieten einen bezaubernden Ausblick auf die kretische Landschaft. Hin und wieder entfernt sich die Straße von der Küste und führt stattdessen durch malerische Städte und Dörfer sowie durch eindrucksvolle, bergige Karstlandschaften. Die Fahrt dauert etwa vier Stunden, dann erreicht man Sitia, die drittgrößte Stadt der Region Lasithi im Osten Kretas.

Direkt am malerischen Hafen findet man das Café καφέ, dessen Besitzerin unsere Vermieterin ist. Hanna (die andere Freiwillige im Geopark) und ich sind begeistert von unserer neuen Unterkunft, denn sie ist groß, schön eingerichtet und in erstklassiger Lage. Eine schmale Treppe führt in den ersten Stock mit Küche, Bad, Wohnzimmer und Balkon. Im zweiten Stock gibt es ein zweites Bad, zwei Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer und noch einen Balkon. Über eine weitere Treppe kommt man auf die große Dachterrasse, meinen absoluten Lieblingsplatz im Haus. Von hier aus hat man sogar einen guten Blick aufs Meer, denn unser Haus befindet sich nur zwei Häuserreihen und damit nur zwei Minuten vom Meer entfernt.

Die ersten Tage verbringen Hanna und ich damit, uns einzurichten und die Stadt kennenzulernen. Selbstverständlich nutzen wir auch das gute Wetter und die Nähe zum Meer aus! Und es dauert nicht lange, bis ich mich in Sitia so richtig wohl fühle. Für mich ist es eine Stadt, die Gegensätze vereint. Obwohl die Stadt Sitia mit seinen knapp 10 000 Einwohnern wirklich nicht groß ist (in der Gemeinde leben immerhin fast 20 000), gibt es alles. Da unser Haus so zentral ist, brauchen wir nur drei Häuser weiter gehen, um im nächsten Minimarkt einzukaufen. Fünf Häuser weiter sind Käserei, Bäckerei und Fischladen, eine Straße weiter die Obst- und Gemüsestände. Zum nächsten großen Supermarkt läuft man fünf Minuten, zum Fitnessstudio sieben. Die weiteste Strecke, die wir bisher auf uns genommen haben, war etwa eine halbe Stunde den Berg hoch, denn da befindet sich der Lidl.

Aber das kontrastreiche Sitia bietet noch mehr: wer am Hafen steht und sich nach links dreht sieht den mit kleinen, hellen Häusern übersäten Hang. Dreht man sich nach rechts, erheben sich die stolzen Berge des Geoparks. Da sich die Stadt in einer Bucht befindet, ist das Meer beinahe von Bergen eingeschlossen. Außerdem habe ich noch nie eine Stadt gesehen, an der es so viele funktionstüchtige (!) Telefonzellen gibt wie hier, während es am Hafen moderne Solarbänke gibt, an denen man sein Handy aufladen kann. Trotz der Touristen, die in den Sommermonaten nach Sitia kommen, um die Ruhe des Geoparks zu genießen, bewahren sich die Menschen Sitias ihre Authentizität. Der Tourismus hier ist im Gegensatz zu den größeren Städten Chania und Heraklion nur gemäßigt, weshalb es kaum reine Touristenspots gibt.

Vielleicht liegt es an der Schönheit der Natur, die sie umgibt, vielleicht am guten griechischen Essen, aber jedenfalls sind die Menschen hier sehr zuvorkommend und nett; stets besorgt, dass es uns gut geht und alles in Ordnung ist. Noch kennt uns zwar nicht ganz Sitia, aber das wird sich vermutlich im Laufe der Zeit ändern, denn in der Kleinstadt kennt jeder jeden.

Der malerische Hafen Sitias


Im Hintergrund sieht man die Berge des Geoparks, die die Sitia-Bucht einrahmen

Eine der zahlreichen Streunerkatzen in den Straßen Sitias

Dienstag, 13. Oktober 2020

Pläne, die über den Haufen geschmissen werden

 „Plans are nothing: planning is everything” (Dwight D. Eisenhower)

2020, dieses Jahr voller Überraschungen, voller Erfolge und Enttäuschungen. Das Jahr, in dem ich achtzehn geworden bin, in dem ich mein Abitur gemacht habe und die Schule abgeschlossen habe, das Jahr für das ich ganz viele Pläne hatte, die ich dann über den Haufen schmeißen musste. Das Jahr, in dem so viele Dinge anders gelaufen sind, als ich es mir hätte träumen können.

Dass ich nach der Schule erstmal ein paar Monate weg möchte, stand nie außer Frage. Ob Reisen, Work & Travel oder Freiwilligendienst, irgendwas wird sich schon finden. Anfang des Jahres bewarb ich mich also für einen weltwärts-Freiwilligendienst bei der DIZ (Deutsch-Indischen Zusammenarbeit) und für kulturweit, einen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO Kommission in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt. Das Platzangebot an einer Schule in Indien mit der DIZ nahm ich an, bis die Corona-Pandemie mein Vorhaben erstmal auf Eis legte. Im Laufe der Monate fand ich mich damit ab, dass ein Auslandsaufenthalt auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird, ich sagte Indien ab und entschied mich für ein FSJ in der Nähe. Endlich hatte ich einen konkreten Plan und war auch sehr zufrieden damit. Dann, am Freitag bevor ich mein FSJ beginnen sollte, bekam ich ein Platzangebot von kulturweit: in einem Geopark in Griechenland. Die Entscheidung viel mir nicht schwer und die nächsten drei Wochen bis zum Vorbereitungsseminar vergingen wie im Fluge, schließlich fiel einiges an Organisatorischem an (Kündigungen, Verträge, Kontakt mit meinen Ansprechpartnern, Flug, Unterkunft, …) Nach einem zehntägigen Vorbereitungsseminar war es dann soweit und ich brach auf zu neuen Ufern. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Sitia UNESCO Global Geopark liegt am östlichsten Ende Kretas und die Stadt selbst direkt am Meer.