Sonntag, 21. März 2021

Blog-Log durch halb Europa

Mittwoch, 17.03.2020 

7:15
Der Wecker klingelt, ich bin auch so schon wach. Gedanken an die Abfahrt: Vorfreude auf die Reise, Trauer über die Abreise und Stress: wir müssen noch Kuchen backen und packen.

16:07
Kurz vor Abfahrt: trinken einen letzten Freddo Cappuccino am Strand, es regnet.

16:30
Abfahrt. Gepäck wird in den Transporter geladen, ich falte mich zwischen Steuerknüppel und Kühltasche. Mit dabei: zwei Welpen aus dem Tierheim, die wir bis nach Athen mitnehmen, um sie zu ihren neuen Familien zu bringen.


18:54
Ankunft am Hafen von Heraklion. Anscheinend wird Sicherheit kleingeschrieben. Fahren ohne Kontrolle direkt an die Ladeluke, laden das Gepäck in einen Anhänger und gehen rein. Weder Interrail Pass noch Ausweis werden kontrolliert.

19:12
Haben uns mit den Hunden in eine ruhige Ecke gesetzt. Ein Typ von der Crew kommt und zeigt uns Fotos von seinem Hund. Dasselbe mit dem nächsten Typ von der Crew, auch er teilt seine Hundefotos mit uns. Ich will auch einen!

21:00
Beobachten das Schiff beim Ablegen. Habe den Hund Milou unter meiner Jacke versteckt, damit er nicht friert. 


22:30

Ich bin genervt. Ein unsympathischer Typ mit AK-47-Pulli kommt rein, setzt sich hin und stellt den Fernseher laut. Also telefoniert Hanna mit Lautsprecher, um ihn wieder zu vergraulen, mit dem Resultat, dass er lauter stellt. Dabei ist die Fähre so leer, dass Crew und Passagiere ungefähr ausgeglichen sind.

23:10
Die Crew klebt eine Deckenleiste wieder an. Scheint ein sehr modernes Schiff zu sein.

23:27
Typen verziehen sich endlich, ich rolle meinen Schlafsack aus und versuche auf dem Teppichboden zu schlafen. Klappt erstaunlich gut.




Donnerstag, 18.03.2021

01:12
Die Welpen wollen einen Fluchttunnel graben, also wird angeleint und zum Gassi gehen ans Deck gegangen. Aus der Tasche will Fifi nicht, zu kalt. Milou wird auch lieber getragen.

05:45
Kein Land in Sicht, dabei sollten wir eigentlich in einer viertel Stunde anlegen. Dafür genieße ich den wunderschönen Farben des morgendlichen Himmels.

07:30
Mit Verspätung kommen wir in Piräus, Athen an. Wie soll das bei einem dreieinhalb Mal so langen Reise nach Italien werden?

08:22 Fifi wurde direkt nach Anlegen abgeholt, Milou nicht. Wir warten immer noch. Zur Not behalte ich den Hund. Fragen Taxifahrer nach der Fahrt nach Petralona, Athen. Mein Griechisch reicht, um zu erklären, dass erst der Hund abgeholt werden muss.

08:37 Wir warten immer noch und der Taxifahrer mit uns. Schließlich diskutiert er mit der Besitzerin am Telefon und fährt uns kurzerhand zu ihr, irgendwo auf dem Hafengelände.

09:00 Wiedersehen in Athen! „Wieder“ eigentlich die falsche Formulierung, wir kennen die Kulturweit Freiwilligen in Athen nur vom Bildschirm. Es ist sehr ungewohnt, sie in 3D zu sehen. Es gibt Kouloures und Kalitsounia.

09:44 Kathi, Katharina, Pauline und wir erkunden die Stadt. Toller Ausblick vom Philopappos Monument: die Stadt ist erstaunlich grün und schier endlos. Es geht wieder runter und hoch auf einen anderen Felsen, den Areopag Gipfel. Dann wieder runter. 



11:02 Auf dem berühmten Monastiraki Platz gibt es mehr Tauben als Menschen. Ein Markttyp ist unhöflich und aufdringlich, mir wird der Kontrast zur Kleinstadt Sitia bewusst. Da wurde ich kein einziges Mal unfreundlich behandelt und kannte viele persönlich. Die Großstadt fühlt sich an wie ein anderes Land, ich bin sogar überrascht, dass noch Griechisch gesprochen wird. Ich fühle mich wie ein Landei, weil mir die Kräuter im Kübel sofort ins Auge stechen und ich beim Kräuterstand alles zu einer in Kreta endemischen Pflanze weiß. 


11:50 Erreichen das Syntagma Regierungsgebäude und beobachten die Evzonen, die Soldaten der ehemaligen königlich-griechischen Leibgarde, die ähnlich wie die Britische Royal Guard um das Regierungsgebäude herumstolzieren, Holzschuhe mit Bommeln tragen und von normalen Soldaten geärgert werden.

12:20 Ein letztes Mal Pita Gyros und mit Abstand das Beste, das ich in Griechenland hatte!

12:34 Polizei ist nach Ausschreitungen in den letzten Tagen und Wochen sehr präsent. Auch Corona-Maßnahmen sind hier ernster zu nehmen als in Sitia, deshalb ändern wir die Uhrzeiten auf unseren Passierscheinen.

12:56 Im National Garden fühle ich mich nach New York versetzt, auch hier gibt es einen riesigen Park mitten im Grünen. Nur eben mit Palmen und Platanen. Athen ist generell grüner, sauberer und weniger laut als ich dachte, ich kann verstehen warum so viele aus Kreta hier zwischenzeitlich gewohnt haben, bis sie wieder zurück zu den (Schwieger)Eltern nach Sitia gezogen sind. 

13:27 Alle paar Meter gibt es irgendwelche archäologischen Stätten, Ruinen und Säulen. Besonders schön ist das Hadrians Tor, das den Eingang zum berühmten Athener Olympieion markiert. Im Stadtteil Plaka kommen Insel-Gefühle auf, ich fühle mich nicht mehr wie in einer Großstadt, sondern mit den kleinen Gassen und Treppen wie in einem idyllischen Dorf auf einer griechischen Insel. An jeder Ecke halte ich, um Graffiti und Street Art zu fotografieren. 


13:41 Wir erreichen einen kleinen Aussichtspunkt. Plötzlich fliegen Kampfjets und Militärflugzeuge vorbei. Kommen die Türken? Nein, es wird für den griechischen Nationalfeiertag nächste Woche geprobt.

14:13 Nach einem kurzen Zwischenstopp für ein Eis in Thissio sind wir zurück in der WG. Jetzt sind alle da und ich bin sehr glücklich und dankbar, dass sie sich die Zeit genommen haben. Ich wäre so gerne länger geblieben, aber leider müssen Hanna und ich weiter.

15:01 Bei unserem Gepäck erklären sich netterweise alle dazu bereit, uns zu begleiten. Also Aufbruch mit gesamter Mannschaft! Jeweils zwei tragen eine unserer beiden Taschen, zwei andere übernehmen unsere Koffer und die Rucksäcke tragen wir selbst. Wie genau wollen wir unser Gepäck nochmal alleine durch halb Europa schleppen?!

15:53 Sind mit der Metro bis zur Station nahe der Busstation gefahren, holen uns ein Taxi, aber das wird knapp. Taka Taka!

16:02 Problem in Athen. Wir haben den Bus verpasst. Dann halt den letzten. Aber ich mache mir ernsthaft Sorgen über das Gepäck. Immerhin gibt es Kaffee, obwohl die Müdigkeit überraschenderweise noch ausbleibt. 

17:15 Der Busfahrer beäugt kritisch unsere Koffer und Taschen. Der Bus ist überraschend voll.

18:11 Wir erreichen die Peloponnes, ich muss aufs Klo und der Bus überfährt fast einen Hund, der es nicht einsieht, die Mitte der Straße zu verlassen und sich auch nur einen Meter wegzubewegen.

19:50 Ankunft an der KTEL Bus Station in Patras. Es ist kalt hier!

20:21 Leichte Überforderung und falsche Richtung, der Schwabe hält die Klappe und wir nehmen zum 3. Mal heute ein Taxi.

20:24 Vielleicht brauche ich Dr. Walters Auslandsversicherung doch noch. Aber wer bei offener Heckklappe fährt und lieber telefoniert als lenkt, den kann eine rote Ampel nicht aufhalten. Außerdem beschwert sich das Auto über sein SRS (also Airbag und Gurtstraffer), eine kaputte Lampe und möchte sowieso zur Werkstatt.

22:10 Maya und Lara kommen mit 3kg Feta, 9L Wasser und Lokoumades an. Sie sind immer noch etwas überrascht, dass wir ihrer Idee mit Fähre und Zug ohne zu überlegen zugestimmt haben. Nachdem wir so oft telefoniert haben (die beiden waren im Chelmos-Vouraikos Geopark in Kalavryta) habe ich das Gefühl, sie schon ewig zu kennen und ich freue mich sehr auf die nächsten Tage.

22:30 Der Typ vom Security kriegt einen Vogel, wir kriegen uns vor Lachen nicht mehr ein und schleppen unser Zeug mühsam zum Schiff.


22:40 Lara kommt die Rampe hoch: „Maya hat ne Crew!“ Es folgen: ein gelangweilter Typ voraus, ein Typ mit Warnweste und Mayas großem gelben Koffer, eine routinierte Frau in Warnweste mit Klemmbrett und zuletzt Queen Maya, mit Rucksack und Taschen, aber trotzdem zufrieden mit dem Service.

23:04 Die Viererkabine ist riesig. Gut so, denn wir breiten erstmal unser Essen aus, scheinbar für zwei Wochen: Käseseelen, Schokobrötchen, Tiropitakia, Tiropita, Lokoumades, Reissalat, Obst, Karotten, Lupinen, Maultaschen, Brownies, Zitronenkuchen, jede Menge Kekse und Gummibärchen, Nüsse, Raki und einen 3-Liter Weinsack aus Kreta. Maya und Lara haben Saganaki geklaut, den Käse wollte ihr Begleiter in Patras eigentlich zu Abend essen, hat ihn aber in der Tasche mit den 3 Kilo Feta vergessen. Der Saganaki geht jetzt auf Reisen…

Lara: „Teilen wir den Saganaki auf?“ Maya: „Nee, nimm du den. Ich habe ja schon zwei Kilo Feta.“ 


23:43 Es regnet, wir stehen trotzdem an Deck. Lara steht nicht, sie rennt erst, dann fliegt sie, dann liegt sie.


Freitag, 19.03.2021

00:45 Etwas verspätete Abfahrt.

01:37 Wir essen Brownies und Zitronenkuchen in unserer Kabine mit Meerblick. Die Müdigkeit habe ich übersprungen und bin Hyperaktivität angelangt. Wir lachen sehr viel, auch und vor allem über Dinge, die für Außenstehende nicht lustig sind.

09:28 So lange habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Eine entspannte Dusche, dann geselle ich mich zu den anderen, die bereits das Sonnendeck für sich eingenommen haben und Karten spielen. Gerade fahren wir an der Küste Albaniens entlang, es gibt wunderschöne Berge, keine Dörfer und super Internet.

12:40 Lara und ich als Schwabenfraktion fragen an der Rezeption nach heißem Wasser. Mit den mitgebrachten Maultaschen, die mittlerweile aufgetaut sind, und etwas Brühe wird erstmal gekocht. Das perfekte Reisessen! 


14:55 Ein Matrose flirtet mit Lara. Er spendiert uns Kaffee und unterhält sich stundenlang mit uns. Seine Schicht beginnt um Mitternacht, er lädt Lara ein, auf die Brücke zu kommen und die Fähre zu fahren.

23:06 Er ruft an... Und kriegt einen Korb. Ist vielleicht besser so – Lara ich hab dich lieb, aber nur weil du tauchst, heißt dass nicht, dass ich heute Nacht baden gehen will, wenn du das Schiff aus Versehen versenkst.


Samstag, 20.03.2021

6:00 Bald legen wir in Venedig an. Das Zeug wird zusammengepackt und der Feta abgeholt. Der Essensvorrat ist deutlich kleiner geworden. 


8:31 Wer zur Hölle konstruiert Rolltreppen, die nur in eine Richtung fahren?! Ich verfluche jede einzelne Stufe.

9:03 Mühsam kämpfen wir uns über das Hafengelände und geben schließlich den Gedanken an einen Bus auf. Das Taxi ist es uns allen wert. Der Fahrer ist belustigt statt genervt und wir schaffen es tatsächlich, uns vier mit vier Koffern, vier Rucksäcken, zwei Sporttaschen und zwei gut gefüllte Tüten in das Auto zu laden. Der Taxifahrer passt auch noch rein und fährt uns zum Hostel in Venedig Mestre.

10:47 Im Bielo+Hub Testzentrum in Venedig werde ich 5 Formulare und 7 Unterschriften später mal wieder getestet. Tja und wo wir schonmal hier sind…

12:09 Ich war noch nie in Venedig, gehe aber stark davon aus, dass die Stadt ohne Lockdown nicht so menschenleer wie jetzt ist, das Wasser in den Kanälen nicht so klar und die Läden und Restaurants nicht verrammelt. Ich komme mir vor wie in einer Geisterstadt. Am leeren Markusplatz wollen wir ein Sprungfoto machen und springen wieder und wieder, bis es synchron wird. Dann kommt die Polizei auf uns zu, denn eigentlich ist Venedig rote Zone und man darf das Haus nur mit gutem Grund verlassen. Anscheinend wird auf dem Markusplatz rumhüpfen nicht als guter Grund anerkannt, also springen wir lieber mal weg.


12:50 Ich hatte einen einzigen Wunsch: Pizza. Sehnsüchtig stehen wir vor einem zu einem Hotel zugehörigen Restaurant und frieren, ich war irgendwie noch auf Griechenland eingestellt. Wir stellen uns schon auf Takeout ein, werden aber überraschenderweise reingelassen. Sonst sind nur mittelalte, steak-essende Trucker anwesend. Die Grissini sind einzeln verpackt und wir dürfen uns keine Minute länger als nötig im Restaurant aufhalten, aber Pizza kriegen wir! Wenn das die Polizei wüsste – erst auf dem Marktplatz rumhüpfen, Pizzaessen und dann auch noch versehentliche Beamtenbeleidigung!


13:52 Einfach planlos in Venedig rumlaufen, finde ich super! Die verwinkelten Gassen, Kanäle und Brücken, alte Gebäude mit grimmigen Wasserspeiern und die Ruhe, die diese Stadt ausstrahlt! Wäre es nicht so kalt und nieselig, könnte ich ewig herumlaufen. Würde ich auch, wenn ich kein Google Maps hätte, denn die Orientierung habe ich schnell verloren. 

Ein Bansky-Graffiti




14:28 Wir suchen nach einer Toilette, die letzte war schon geschlossen. Fünf Minuten später fällt uns auf, dass wir in die entgegengesetzte Richtung laufen. Typischer Fall von „ich dachte du führst“. Wir sind drei Minuten zu spät dran. Also geht es wieder mit dem Zug Richtung Mestre.


17:50 Morgige Fahrt wird geplant, dazu gibt es Kekse. Vor lauter Einreisebestimmungen ist es schwer, nicht den Überblick zu verlieren.

18:52 So langsam wird die Erschöpfung und Übermüdung deutlich. Einige Indizien: Maya verschüttet ihren kompletten Tee. Ich falle vom Sofa. Lara kann Hanna und mich nicht mehr auseinanderhalten. Hanna fragt nach dreißig Runden Wizard trotzdem noch nach den Spielregeln. Mayas Schuh liegt auf dem Tisch. Dafür holen wir uns Pasta, aber eine fehlt!

22:40 Ein langer Tag, ich bin sofort weg. Morgen geht’s nach Hause…


Sonntag, 21.03.2021

06:03 Es wird Zeit nach Hause zu kommen. Wir singen „Auf der Schwäbschen Eisebahne“ und mehr.

07:35 Wir haben es in den Zug geschafft. Nachdem der Schaffner uns 10 Minuten beim Gepäck-Tetris zugeschaut hat, weist er darauf hin, dass wir nicht alle gemeinsam im Viererabteil sitzen dürfen, sondern im Schachbrettmuster auf den uns zugewiesenen Plätzen. Wir stellen uns noch zweimal dumm, dann geben wir nach und aus 8 von der Reisegruppe Malaka besetzten Plätze werden 16.

Alle sind depressiv, nur Lara ist blau.

10:03 Wir erreichen Milano. Der geplante Zug fährt Corona-bedingt nicht. Wir erkundigen uns nach Ersatz, aber erfahren, dass heute gestreikt wird. Also vielleicht kommt noch ein Zug, das wissen sie zehn Minuten vorher, wenn das Gleis an der Anzeigetafel steht. Vielleicht auch nicht, das kommt ganz drauf an.

10:24 Durch unsere Interrail-App haben wir eine mögliche Verbindung gefunden und sitzen jetzt in einer S-Bahn. Der Schaffner weiß auch nicht weiter.


11:07 Willkommen in Busto Arsizio. Dem Geisterbahnhof, von dem noch nie jemand gehört hat und der sich ideal dazu eignet, umgebracht zu werden. Ich lerne jetzt Italienisch, mein erstes Wort: soppresso = ausgefallen. Nirgends wäre ich lieber gestrandet als in Busto Arsizio. 


11:52 Wir sitzen in der gleichen S-Bahn, zurück Richtung Milano. Durch das Kulturweit-Netzwerk organisieren wir uns einen eventuellen Schlafplatz in Mailand.

12:39 GESCHAFFT! Ich hätte nicht gedacht, dass sechs Minuten Umsteigezeit reichen, aber wir befinden uns tatsächlich auf dem Weg in die Schweiz. Unnötigerweise schleppen wir unser Gepäck durch den halben Zug, warum auch nicht.

14:05 Umsteigen in Chiasso, wie schön es hier ist! Die Fahrt durch die Schweiz ist eine richtige Panoramafahrt, wir haben mal wieder mal einen kompletten Waggon eingenommen.


14:12 Lara ruiniert die Überraschung ihres Abschiedsgeschenks für Maya, weil sie ihr ihren Laptop in die Hand drückt, mit geöffneter Seite. Nicht die erste unüberlegte Handlung des Tages.

14:47 Ein Rollstuhlfahrer steigt ein und wir asozialen Kinder haben das Behindertenabteil blockiert. Natürlich packen wir um, aber das dauert… Essensrationen werden aufgeteilt. Lara packt noch unbekannte Kekse und Gummibärchen aus den Tiefen ihres Koffers. Dann schneit es! So schön die schneebedeckten Berge auch sind, ich bin noch nicht bereit fürs kalte Deutschland, jetzt wo ich endlich mal braun bin.

16:30 Unsere Wege trennen sich in Zürich. Hanna und ich fahren nach Stuttgart, Maya nach Berlin und Lara über Bregenz nach Bad Waldsee. Wir müssen unseren Zug kriegen, deshalb ist der Abschied kurz und schmerzlos. Trotzdem würde ich am liebsten noch länger mit den beiden durch die Weltgeschichte fahren, denn so viel gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Wer weiß, wann wir uns alle wiedersehen?

17:31 Willkommen in Deutschland. Natürlich gibt es kein Netz mehr. Wie kann es sein, dass ich auf dem Meer vor der Küste Albaniens und mitten in den kretischen Bergen besseres Internet hatte?

17:40 Polizeistreife. Die Polizisten kontrollieren und befragen eine asiatische Familie, eine Frau im Gothic-Look. Uns fragen sie nur, ob wir umziehen, als wir uns als Besitzer des Gepäckberges outen. Ich finde uns schon ziemlich verdächtig, aber sie nehmen es einfach hin und gehen weiter. So viel zum Thema verdachtsunabhängige Personenkontrolle.

19:07 Das Internet reicht, um mein Testergebnis einzusehen. Wir sind alle negativ.

19:32 Nach 2800 Kilometern und 99 Stunden Reise durch vier Länder kommen wir endlich in Stuttgart an, sogar pünktlich. Bei einer Rückreise wie dieser war wirklich der Weg das Ziel und so traurig ich auch bin, ich freue mich natürlich, endlich wieder bei meiner Familie zu sein. Das Olivenöl ist auch schon da, Hanna holt ihren Anteil ab, bevor sie morgen weiter in den Norden fährt.

Ende des Logbuchs.


PS: Auf so einem Schiff hat man sehr viel Zeit. Zeit für etwas Poesie! Genießen Sie das gesammelte Werk „Rosen sind rot“ von Maya Aschenbach, Lara Homes, Lena Straub und Hanna Wagner.

 

Rosen sind rot
Schokolade ist schmecker
Maya ist tot
Doch Lara ist lecker

Rosen sind rot
Was Goethe* kann
Kommt bei mir nicht gut an
Denn das kann ich schon lang

Rosen sind rot
Maya ist fett
Trotzdem will ich hier nicht weg

Rosen sind rot
Lena mag Hunde
Es schlägt die letzte Stunde
Denn Hanna keucht aus vollem Munde

Rosen sind rot
Die Taschen sind schwer
Hanna und Lena warten im Hafenverkehr

Rosen sind rot
Lara hat Langeweile
Doch Maya schläft schon eine Weile
Drum reim ich nun über mein Leide

Rosen sind rot
Mayas Taschen sind gepackt
Doch Lara läuft noch zickzack
Und die Uhr schlägt tick tack.

Tick tack
Es ist nun Schlafenszeit
Meine Freunde
Wir sehen uns in einer kleinen Ewigkeit
Süße Träume
Tick tack

Rosen sind rot
Hanna und Lena gehen morgen weg
Und verpassen Laras Vortrag - Oh Schreck!
Aber am Mittwoch sind sie wieder back

Rosen sind rot
Das findet die Lena schade
Der Vortrag wäre cool gewesen keine Frage
Aber wir checken am Donnerstag mal die Lage

Rosen sind rot
Lara wundert sich
Wohin gehen die zwei Zwerge ohne mich?

Rosen sind rot
Wir freuen uns sehr
Morgen sehen wir uns und fahren übers Meer

Rosen sind rot
Lena will ein Pferd
Damit sie schneller mit dem Zug fährt

Rosen sind rot
Wenn Zug 1 durch Corona entfällt
Und die Italiener streiken für mehr Geld
Dann fahren wir mit der S-Bahn übers Feld

Rosen sind rot
Einen Keks kriegt die Lena
Das wird ja immer scheener
Rosen sind rot

Maya möchte auch Kekse essen
Aber Hanna hat sie im Zug vergessen
Dabei waren wir da alle drauf versessen

Rosen sind rot
Lenas Zeh tut weh
Oh je
Draußen liegt Schnee.

Rosen sind rot
Bald sind wir alle zuhaus
Danach sah es zwischendurch nicht aus
Dafür eine Runde Applaus!

Rosen sind rot
Die Reise mit euch war schön
Drum hoffe ich dass wir uns bald wiedersehen!


Den Blog von Maya und Lara gibt es hier: https://kulturweit.blog/chelmosvouraikos/

Mittwoch, 17. März 2021

Dinge, die schwer sind

1. Mein Gepäck. Mein riesiger Koffer und der Rucksack sind vollgepackt, meine Ukulele baumelt am Rucksack und eine große Sporttasche mit Essen und Souvenirs habe ich auch noch. Alles in allem ist mein Zeug schwerer als ich. Zumindest bevor ich nach Kreta gekommen bin, mit dem ganzen leckeren Essen der letzten Monate sieht das jetzt vielleicht anders aus. Jedenfalls wird die Koordination unserer kleinen Odyssee noch interessant.

2. Der Abschied. Die Strategie: verdrängen und ablenken. Am Samstag sind Lina und Paulina, die neuen Freiwilligen angekommen, und Hanna und ich sind fast nur noch unterwegs. Wir müssen uns von halb Sitia verabschieden, Geschenke machen, Souvenirs kaufen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so richtig, was ich zum Ende meines Freiwilligendienstes sagen soll. Ich fühle mich nicht nur wohl in Sitia, ich fühle mich zuhause. Ich genieße die Freiheit und Selbstständigkeit des alleine Lebens. Ich genieße die Spontanität, sich einfach überraschen zu lassen, wer mich wann wohin mitnimmt. Ich liebe es, neue Orte zu sehen, neue Menschen kennenzulernen, Essen zu probieren, das ich vorher nicht kannte, lange Strandspaziergänge zu machen. Die Vorstellung, in wenigen Tagen wieder in Deutschland zu sein und dort NICHTS zu tun zu haben, gefällt mir nicht. Natürlich freue ich mich auf meine Familie, aber durch den Lockdown in Deutschland erwartet mich sonst nicht viel. Ich habe keine Antwort auf die Frage, warum ich nicht bleibe und das Einzige, was ich sagen kann ist, dass ich im Sommer wieder komme. „Ahhh, der Sommer auf Kreta ist ganz anders! Es ist so viel schöner.“ Klar, mit Herbst und Winter habe ich nicht die besten Jahreszeiten abbekommen, ganz zu schweigen vom durchgehenden Lockdown. Und trotzdem hatte ich eine so tolle Zeit hier. Gestern bin ich aus dem Haus gegangen, und eine Frau sprach mich an: „Ohh, you are famous – Sitia famous! Good job.“ Dank der Lokalzeitung Sitiaka.gr, die uns schon mehrfach interviewt hat und auch so über uns schreibt, und dem Facebook Account des Geoparks werden wir sehr oft angesprochen. Es ist so ein schönes Gefühl, eine Wertschätzung für etwas, dass sich so natürlich und selbstverständlich anfühlt. Die letzten Tage vor der Abreise sind anstrengend und stressig, aber auf eine gute Art und Weise. Außerdem ist es ja nur ein Abschied auf Zeit. Sitia – Ta leme!

Freitag, 12. März 2021

Lebendiges Gestein

In den letzten Wochen konnten wir zum Glück doch noch einige Ausflüge machen, dank Sondererlaubnis der Gemeinde. Jetzt nähert sich mein Freiwilligendienst dem Ende, und der heutige Ausflug war wohl der Letzte…

Vangelis sagt, wir haben zweieinhalb Stunden. Und die nutzen wir! Zunächst fahren wir nach Cavo Sidero, den nördlichsten Zipfel des Geoparks, wo sich zwei sehr wichtige Geosites befinden. Eigentlich ist das gesamte Gebiet militärisches Sperrgebiet und Fotos sind nicht erlaubt, aber es sieht einfach zu toll aus! Ein schmaler Landstreifen führt auf die Halbinsel und trennt die Ägäis linkerhand von dem Libyschen Meer rechterhand.

Blick vom Cavo Sidero Richtung Westen

Ein Stück weiter befindet sich der charakteristische Plattenkalk, der so stufenförmig ist, dass es schon fast unecht aussieht. Besonders toll sind die zahlreichen Fossilien: versteinerte Schwämme, die das Gestein durchziehen.

Plattenkalk

Versteinerte Schwämme im Plattenkalk

Auf der nördlichen Seite faltet sich der Fels. Wie ich schonmal irgendwo erklärt habe, wurde Kreta vor ein paar Millionen Jahren hochgedrückt, als sich die afrikanische Platte unter die europäische schob. Diese nur schwer vorstellbaren Kräfte werden hier sichtbar. Als wäre das Gestein lebendig und beweglich, oder als hätte ein Riese den Fels zusammengeknüllt. Eigentlich wollten wir eine seltene Blume suchen, aber es ist so windig, dass Vangelis befürchtet, wir werden vom Kliff geweht.

Hier werden die tektonischen Verschiebungen sichtbar

Auf dem Rückweg halten wir noch an einigen anderen interessanten Orten. Zunächst Erimoupoli, der Gegend um die archäologische Stätte Itanos, wo wir im Oktober schon gebadet sind. Auch hier werden die tektonischen Bewegungen durch den abrupten Wechsel im Gestein sichtbar.

"Erimoupoli Mirror"

Wer trotz allem die Geologie noch ziemlich langweilig findet, für den ist der Vai Palmenwald vielleicht etwas. Die Ansammlung der kretischen Dattelpalme (Phoenix theoprasti) ist im gesamten Mittelmeerraum einzigartig und zieht jedes Jahr tausende Touristen an. Wir sehen den Stand menschenleer. Langer Sandstrand, Palmen und tiefblaues Meer – was will man mehr? Hier wurde übrigens in den 90ern der Bounty-Werbespot gedreht! Auch die benachbarte Bucht Psili Ammos wirkt wie aus einer Urlaubsbroschüre!

Der Vai Palmenstrand

Einen letzten Stopp machen wir noch in der Schlucht am Toplou-Kloster. Hier gibt es sogenannte Tafoni, kleine Höhlen im Konglomeratgestein, die durch den Küstenwind herauserodiert wurden. Ich habe viel darüber gelesen und bin zugegebenermaßen etwas enttäuscht, es sind halt Löcher im Felsen. Aber gesehen haben wir sie jetzt auch.

Blick aus einem Tafoni auf das Toplou-Kloster