Donnerstag, 31. Dezember 2020

Adventskalender für Quarantäne-Gelangweilte

Wir haben eindeutig zu viel Zeit. Ohne den Adventskalender hätten wir vermutlich noch mehr gebacken, deshalb war das eine ziemlich gute Idee. Für jeden Tag haben wir uns eine Sache überlegt, für die man sich sonst nicht genug Zeit nimmt, oder auf die wir einfach mal Lust hatten. Weil uns so viel eingefallen ist, geht unser Kalender auch bis zum 31. Dezember.

Die Zettelchen haben wir an ein Stück Treibholz
gehängt und uns jeden Tag überraschen lassen.


1. Eine Stunde Yoga



2. Cocktail-Time – If you like Pina Colada...



3. Katzenfotografen – in einer knappen dreiviertel Stunde kriege ich 35 Katzen vor die Linse!



4. Eistee – wie gut, dass wir frische Zitronen haben!



5. Sternbilder und wie die Griechen auf sie gekommen sind - dazu schauen wir uns eine Vorlesung an.



6. Hanna bringt mir bei, wie man Schach spielt: das wurde aber auch mal Zeit!



7. Wir werden zu Wein-Connaisseusen, auch wenn wir die Typen aus den YouTube-Erklärvideos nicht richtig ernst nehmen können…



8. Eine kleine Weihnachtsgeschichte: ich grabe „Die Weihnachtsmaus“ aus Grundschulzeiten aus und Hanna liest die Geschichte vom unglücklichen Weihnachtsbaum



9. An Hannas Geburtstag versuchen wir uns am Origami: mein „Elefant“ hätte allerdings Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis



10. High School Musical – We‘re all in this together! Den Tanz aus dem Film lernen wir und werden ihn vermutlich nie wieder vergessen.



11. Strandspaziergang mit Müllsammeln: dafür, dass Sitias Strand auf den ersten Blick ziemlich sauber erscheint, füllt sich unsere Tüte erschreckend schnell: vor allem die Strohhalmverpackungen stecken massenweise im Sand!



12. Premium Heiße Schokolade, so dickflüssig, dass sie eigentlich schon als Pudding durchgehen könnte!



13. Kreta-Roadtrip: ob er stattfinden kann, steht in den Sternen. Planen tun wir ihn trotzdem schonmal.



14. Eine gute Tat: Hanna spendet an verschiedene lokale Organisationen, ich unterstütze die Sitia Animal Rescue.



15. 5 Komplimente, einfach mal sagen, was wir aneinander mögen!





16. Steine sammeln am Strand, schade, dass wir die nicht alle mit nach Deutschland nehmen können…



17. Heute habe ich gelernt, dass ich sehr unbegabt darin bin, Essen mit dem Mund aufzufangen.



18. Baden gehen – für Mitte Dezember ist es warm, für mich Frostbeule aber doch etwas frisch.



19. Ein kleiner Schaufensterbummel, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Läden haben zwar trotz Lockdown offen, aber bei vielen darf man nur von draußen reinschauen.



20. Schoko-Fondue! Lecker…



21. Freundschaftsarmbänder



22. Dachterassenweihnachtsmarkt: Gut, statt Krakauer gibt es nur kretische Essigwurst im Pseudobrötchen, Pilzpfanne, gebrannte Mandeln, Maronen, Bratapfel und natürlich Glühwein. Dekoriert mit ein paar Kerzen und Lichtern ist es auf unserer Terrasse richtig gemütlich. Und um die Musik müssen wir uns gar nicht kümmern: jeden Abend scheppern die schlechtesten Coverversionen der klassischen Weihnachtslieder aus den Lautsprechern in unserer Straße. In Dauerschleife und laut genug, dass wir sie auch bei geschlossener Tür hören. Einen Nachteil hat es also doch, mitten im Zentrum zu wohnen. Übrigens: die griechische Version von "Last Christmas" ist noch schlimmer als das Original...



23. Fotoshooting, Sitia ist auch wirklich die perfekte Kulisse dafür!



24. Einen langen Brief schreiben, richtig old-school.



25. Filmabend: alle drei Filme der Ocean’s-Reihe mit leckeren Snacks.



26. Spieleabend: ein paar Runden Kalaha.



27. Mal was anderes als Netflix: eine Terra X Doku.



28. Sich einfach mal wieder kreative Zeit nehmen, ob Zeichnen oder Schreiben.



29. Glühwein gab’s schon, Punsch noch nicht.



30. Brot backen, es ist echt lecker geworden!



31. 2020 – Ein Jahresrückblick…

 

Freitag, 25. Dezember 2020

Kαλά Χριστούγεννα!

Ich hätte mir wohl kein besseres Jahr aussuchen können, um das deutsche Weihnachten zu verpassen. Egal ob hier oder zuhause, Weihnachtsmärkte, Familienbesuche und Co fallen dieses Jahr ohnehin aus. Außerdem kommt es doch sowieso immer viel mehr darauf an, was man aus der Situation macht! Und Hanna und ich sind kreativ geworden, haben kiloweise Kekse gebacken und uns unser kretisches Weihnachten ganz besonders schön gemacht.

Die erste Schwierigkeit hat sich Ende November ergeben, als uns auffiel, dass im Lockdown nur noch Lebensmittel verkauft werden dürfen. Wo sollen wir denn bitteschön Lebkuchen und Vanillekipferl, Ausstecherle und Zimttaler verstauen? Die Rettung ist unser Joghurt-Konsum: die Eimerchen eignen sich perfekt. Und bei einem Kilo Joghurt pro Woche haben wir schon einige zusammen. Wie gut, dass wir jetzt nach Herzenslust backen können – Zeit genug haben wir ja!

In der Weihnachstsbäckerei...


Adventskranz mal anders
Zumindest Anfang des Monats war auch der Verkauf von Weihnachtsdeko nicht möglich. Macht nichts, denn Hanna und ich machen uns unsere Deko selber und sparen dabei noch Geld. 😊 In den Bergen gesammelter Salbei wird zur Girlande und kann dabei praktischerweise auch gut durchtrocken. Mit ausgestochenen Mandarinenschalen und getrockneten Orangenscheiben lässt sich was anfangen, unser Adventskranz besteht aus Olivenzweigen mit Mini-Mandarinen, getrockneten Blüten und einer einzigen Kerze. Selbstverständlich haben wir auch einen Weihnachtsbaum: ein Salbeibusch, dekoriert mit ein paar Kugeln, die wir uns von der Weihnachtsdeko der Stadt Sitia „geliehen“ haben. Etwas kleiner als sonst, aber viele Geschenke gibt es ja sowieso nicht! Einen Adventskalender haben wir uns auch gemacht, dazu wird es aber mal einen extra Post geben.

In Griechenland wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, Geschenke gibt es aber erst am 1. Januar. Trotzdem gibt es um die Weihnachtsfeiertage bestimmte Traditionen, zum Beispiel kommt der Weihnachtsmann auf seinem Boot angefahren und verteilt ein paar Geschenke an die Umstehenden (zumindest in Sitia, aber ganz so sicher bin ich mir da auch nicht), es gibt Sänger und ein Weihnachtsfeuer. Dieses Jahr nicht. Wir müssen uns mit einem Weihnachtsbaum am Hafen, zwei hölzernen Rentieren und einem flauschigen Pony im „Park“ abgeben.



... und Rentier!
Pony ...

Vielleicht kommt der Weihnachtsmann hier mit dem Motorrad?

Die Menschen warten in Schlangen vor den
Läden und schauen durch's Schaufenster,
reingehen geht nicht.

Ein unverzichtbares Element des griechischen Weihnachtens lernen wir trotzdem kennen: Kourabiedes und Melomakarona. Netterweise werden wir eingeladen, um diese beiden griechischen Weihnachtskekse zu backen. Der Teig der Melomakarona ist nicht süß, die Süße kommt erst nach dem Backen: die Kekse werden in einem Zuckerwasser-Sirup aus Honig und Gewürzen getränkt und anschließend noch mit Walnüssen bestreut. Manchmal werden sie auch noch mit Schokolade ummantelt, aber ich finde, die Schokolade überdeckt den Geschmack zu sehr und macht die Kekse zu süß. Kourabiedes sind sozusagen die griechischen Vanillekipferl. Das Rezept wird aber von Familie zu Familie stark variiert, manche machen Ouzo, Whiskey oder Cognac in den Teig, einige formen Bälle, andere Halbmonde. Eines haben aber alle gemeinsam: ordentlich Puderzucker! Da können Vanillekipferl nicht mithalten…

Von verschiedensten Leuten haben wir diese Kekse geschenkt bekommen und obwohl alle ein kleines bisschen anders schmecken, sind die Grundzutaten dieselben. Ich werde ab jetzt wohl zu Weihnachten auch griechisch backen, zwei gute Rezepte habe ich im Internet gefunden (die Griechen haben zwar ein schriftliches Rezept, machen aber dann doch alles nach Gefühl!): Melomakarona Rezept | GuteKueche.at und Kourabiedes - Griechenlands bekanntesten Weihnachtsplätzchen (greek-cuisine.com) .


Beim Kourabiedes backen

Melomakarona, in Sirup getränkte Weihnachtskekse


Das Wetter ist an Weihnachten so schön, als wollte uns Kreta die Vorteile von Weihnachten in Sitia deutlich vor Augen führen. Bei 20°C, wolkenlosem Himmel und strahlenden Sonnenschein gehen wir erstmal baden. Beim ins Wasser gehen werde ich daran erinnert, dass es immer noch Dezember ist, denn das Meer ist doch ziemlich kalt. Einmal drin hat man sich allerdings schnell dran gewöhnt. Eine etwa einen halben Meter lange Mittelmeer-Muräne schwimmt vorbei und wünscht uns Frohe Weihnachten, na dann. 

Baden an Weihnachten, was will man mehr?

Weiße Weihnachten gab es dieses Jahr nicht...

Unser Weihnachtsmenü besteht aus einer bunten Mischung aus allem, worauf wir Lust hatten: Brezeln und Knoblauchbrötchen, frittierte Zucchini und Kartoffeln (natürlich in Olivenöl), gebratene Paprika, Rucola-Salat, Cranberry-Brie Happen im Blätterteig, Datteln im Speckmantel, scharfe Hackbällchen und verschiedene Dips. Natürlich fehlt mir meine Familie heute ganz besonders, aber dank Videokonferenz kommt es mir gar nicht so vor, als wäre ich weit weg. Ein tolles Paket aus Deutschland ist auch noch rechtzeitig gekommen! Außerdem bin ich sehr froh, dass ich Hanna habe. Ohne sie wäre mein ganzer Aufenthalt hier nicht halb so schön, wir motivieren uns gegenseitig, bringen uns auf die verrücktesten Ideen und können immer zusammen lachen. An dieser Stelle einfach mal ein Dankeschön an dich!

Danke für das Lebkuchenhaus-Set,
Noreenski!

Unser kleiner Weihnachtstisch


Der 25. Dezember ist ein Tag der Familie, umso mehr freut es mich, dass Vangelis uns zu Weihnachten zu sich und seiner Familie einlädt. Im Mittelpunkt steht natürlich das Essen! Traditionell gibt es Christopsomo („Christus‘ Brot“), ein Weihnachtsbrot mit Walnuss und Anis. Es ist rund und mit einem Kreuz dekoriert, in der Mitte steckt eine Walnuss. Außerdem gibt es Stamnagathi, Hortopitakia, Xygalo und Oliven, Salat, Porree-Eintopf mit Schweinefleisch, Kartoffeln mit Fleisch und Leber (das Einzige, das ich nicht esse…) und zum Nachtisch Galaktoboureko. Was genau das alles ist, ist auf meinem Food-Blog genauer beschrieben. Damit wir bloß nicht verhungern, kriegen wir auch noch einiges mit nach Hause. Im Januar wird erstmal Diät gemacht…

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Sitia - Home of the Olive Oil

Olive oil needs sweat and toil
To get into the can
But it is food and remedy
For all that troubles man.

In other places they make oil
It's true, I understand
But it's not like our Cretan oil
The best in any land.

Kostis Fragoulis


Zwar waren in den letzten Wochen Touristen unterwegs, aber hin und wieder waren noch französische oder deutsche Stimmen zu hören. Das ist jetzt vorbei und man könnte meinen, dass jetzt Ruhe einkehrt. Weit gefehlt – es geht erst richtig los, denn die Olivensaison beginnt! Auf Kreta gibt es um die 30 Millionen Olivenbäume und die Insel produziert mehr Olivenöl als alle griechischen Inseln und das Festland zusammen. Sitia bezeichnet sich stolz als “Home of the Olive Oil“ und auch wenn es diesen Titel vermutlich nicht ausschließlich für sich selbst beanspruchen kann, besitzt doch fast jeder Sitianer ein paar Hundert Olivenbäume. Wer keine eigenen hat, ist bei Verwandten oder Freunden eingespannt und so prägt die Olivenernte die ganze Stadt. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen! Weit haben wir es auch nicht, denn die Olivenhaine beginnen direkt in den äußeren Bereichen Sitias und ziehen sich durch die gesamte Landschaft Ostkretas, kaum ein Hang ist nicht von den Bäumen bewachsen.

Die wunderschöne Landschaft um die Siedlung Achladia.

Das Vorgehen bei der Ernte hat sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert, es ist nur etwas modernisiert worden. Zunächst wird der Boden mit grünen Netzten ausgelegt, sehr sorgfältig, dass ja keine Olive verloren geht. Die Enden überlappen um ein gutes Stück und um die Stämme der Bäume werden extra Säcke gewickelt. Sind genug Netze ausgelegt, beginnt man mit der Ernte. Dafür werden lange Stäbe mit zwei kleinen Propellern verwendet, mit deren Hilfe man die Früchte von den Ästen rütteln kann. Während sich drei oder vier Leute um die „Entrüttlung“ kümmern (ohne Schutzbrille besteht Erblindungsgefahr im Oliven-Hagel), fischen andere mit großen Rechen die schwereren Äste aus den Olivenpfützen. Dann müssen die Oliven eingesackt werden. Hanna und ich sind mittlerweile richtige Profis: mit einer Mischung aus zusammenschütten, Netz hochlupfen und mit vollem Körpereinsatz die Oliven in den Sack schieben (“It’s like in a Casino!“) befreien wir die Netze ruck zuck von ihrer Ladung, damit sie an der nächsten Ecke des Olivenhains wieder angepuzzelt werden können. So arbeitet man sich nach und nach das Feld entlang. Zu fünft schaffen wir zwischen 20 und 25 Bäume am Tag, bis es zu dunkel wird. Allerdings hängt das natürlich stark von der Beschaffenheit des Feldes ab (wie eben der Boden ist usw.) und auch vom Wetter. Sind die Bäume einmal abgeerntet sieht es so aus als würden sie regelrecht aufatmen, denn ihre Äste hängen nicht mehr schwer behängt herunter.

Auf Kreta ist nix mit Dezemberwetter!


Mithilfe von langen Stäben mit zwei kleinen
Propellern werden die Oliven vom Baum geschüttelt.

Schutzbrille!!!

In jedem Schuh und in allen Taschen
finden sich noch Tage später Oliven
- warum wohl?


Sobald die Oliven zu Haufen zusammengeschüttet
sind, werden größere Äste aussortiert und
die Oliven eingesackt.

Bei der harten Arbeit muss natürlich in der Pause
gut gevespert werden!

Am Ende jedes Arbeitstages werden die schweren Leinsäcke in eine Fabrik geschafft, wo das Öl gepresst wird. Die Oliven durchlaufen verschiedene Stationen, um aussortiert und gereinigt zu werden, bis schließlich das Cretan Extra Virgin Oil gepresst wird. Aus einem 60l Leinensack voller Oliven können etwa 15 Liter reines Olivenöl hergestellt werden. Natürlich hatte ich auch schon das Glück, frisch gepresstes Olivenöl zu probieren – aus Oliven, die ich höchstpersönlich geerntet habe! Das junge Öl schmeckt so frisch und fruchtig, dass ich jetzt wohl bis ans Ende meines Lebens verwöhnt bin, was Olivenöl angeht.

Am Ende des Tages werden die Netze eingerollt...

...und die Oliven zum Pressen in die Fabrik gefahren.

Obwohl ich die letzten Wochen an Hunderten von Olivenbäumen vorbeigelaufen bin, war mein Blick zu oberflächlich, um die Schönheit der Natur bewusst zu erkennen. An einem einzigen Baum wachsen Oliven in allen Farben des Regenbogens: hellgrün bis gelb, dunkles grün, rot, blau, violett, schwarz und alles dazwischen. Die nach der Ölpressung zurückbleibenden Steine werden getrocknet und verfeuert, Äste und Blätter dienen als Viehfutter und auch kulturell kommt diesen Bäumen eine ganz besondere Rolle zu. Sogenannte „Monumentale Olivenbäume“ sind über ganz Kreta verstreut und oft viele Jahrhunderte alt, sie sind Zeugen der Geschichte der Insel und stehen unter besonderem Schutz.

Für die Leute ist die Olivenernte ein guter Zusatzverdienst, es gibt ihnen Selbstständigkeit. Viel wichtiger ist aber das Drumherum: die Verbindung mit der Natur, die die landwirtschaftliche Arbeit bietet genauso wie das soziale Beisammensitzen in der Pause. Es gibt alles Mögliche zu essen, ein kleiner Raki ist auch nicht auszuschließen. Und trotz der Anstrengung und der verspannten Schultern am nächsten Morgen ist es eine sehr meditative, befriedigende Arbeit. Bei der wunderschönen Landschaft Sitias gibt es keine bessere Möglichkeit, um den Kopf so richtig frei zu bekommen! Hanna und ich waren mehr als einmal bei der Ernte, denn gerade jetzt während dem Corona-Lockdown ist es eine tolle Gelegenheit, um raus zu kommen. Abgesehen davon macht die Arbeit sehr viel Spaß und die Verpflegung ist super! Übrigens ist ein Hauptziel der UNESCO Global Geoparks die Stärkung der nachhaltigen Entwicklung und des Alternativen Tourismus. Dazu gehört auch Agrartourismus, also gerade solche Dinge wie die Olivenernte. Obwohl es mich gerade reizt, so authentische, nicht-touristische Erfahrungen zu machen, finde ich das Konzept sehr gut und auf jeden Fall unterstützenswert!

Das klare Olivenöl ist aus der letzten Saison, die Oliven für das trübere Öl haben wir
 höchstpersönlich geerntet!