Mittwoch, 2. Dezember 2020

Sitia - Home of the Olive Oil

Olive oil needs sweat and toil
To get into the can
But it is food and remedy
For all that troubles man.

In other places they make oil
It's true, I understand
But it's not like our Cretan oil
The best in any land.

Kostis Fragoulis


Zwar waren in den letzten Wochen Touristen unterwegs, aber hin und wieder waren noch französische oder deutsche Stimmen zu hören. Das ist jetzt vorbei und man könnte meinen, dass jetzt Ruhe einkehrt. Weit gefehlt – es geht erst richtig los, denn die Olivensaison beginnt! Auf Kreta gibt es um die 30 Millionen Olivenbäume und die Insel produziert mehr Olivenöl als alle griechischen Inseln und das Festland zusammen. Sitia bezeichnet sich stolz als “Home of the Olive Oil“ und auch wenn es diesen Titel vermutlich nicht ausschließlich für sich selbst beanspruchen kann, besitzt doch fast jeder Sitianer ein paar Hundert Olivenbäume. Wer keine eigenen hat, ist bei Verwandten oder Freunden eingespannt und so prägt die Olivenernte die ganze Stadt. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen! Weit haben wir es auch nicht, denn die Olivenhaine beginnen direkt in den äußeren Bereichen Sitias und ziehen sich durch die gesamte Landschaft Ostkretas, kaum ein Hang ist nicht von den Bäumen bewachsen.

Die wunderschöne Landschaft um die Siedlung Achladia.

Das Vorgehen bei der Ernte hat sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert, es ist nur etwas modernisiert worden. Zunächst wird der Boden mit grünen Netzten ausgelegt, sehr sorgfältig, dass ja keine Olive verloren geht. Die Enden überlappen um ein gutes Stück und um die Stämme der Bäume werden extra Säcke gewickelt. Sind genug Netze ausgelegt, beginnt man mit der Ernte. Dafür werden lange Stäbe mit zwei kleinen Propellern verwendet, mit deren Hilfe man die Früchte von den Ästen rütteln kann. Während sich drei oder vier Leute um die „Entrüttlung“ kümmern (ohne Schutzbrille besteht Erblindungsgefahr im Oliven-Hagel), fischen andere mit großen Rechen die schwereren Äste aus den Olivenpfützen. Dann müssen die Oliven eingesackt werden. Hanna und ich sind mittlerweile richtige Profis: mit einer Mischung aus zusammenschütten, Netz hochlupfen und mit vollem Körpereinsatz die Oliven in den Sack schieben (“It’s like in a Casino!“) befreien wir die Netze ruck zuck von ihrer Ladung, damit sie an der nächsten Ecke des Olivenhains wieder angepuzzelt werden können. So arbeitet man sich nach und nach das Feld entlang. Zu fünft schaffen wir zwischen 20 und 25 Bäume am Tag, bis es zu dunkel wird. Allerdings hängt das natürlich stark von der Beschaffenheit des Feldes ab (wie eben der Boden ist usw.) und auch vom Wetter. Sind die Bäume einmal abgeerntet sieht es so aus als würden sie regelrecht aufatmen, denn ihre Äste hängen nicht mehr schwer behängt herunter.

Auf Kreta ist nix mit Dezemberwetter!


Mithilfe von langen Stäben mit zwei kleinen
Propellern werden die Oliven vom Baum geschüttelt.

Schutzbrille!!!

In jedem Schuh und in allen Taschen
finden sich noch Tage später Oliven
- warum wohl?


Sobald die Oliven zu Haufen zusammengeschüttet
sind, werden größere Äste aussortiert und
die Oliven eingesackt.

Bei der harten Arbeit muss natürlich in der Pause
gut gevespert werden!

Am Ende jedes Arbeitstages werden die schweren Leinsäcke in eine Fabrik geschafft, wo das Öl gepresst wird. Die Oliven durchlaufen verschiedene Stationen, um aussortiert und gereinigt zu werden, bis schließlich das Cretan Extra Virgin Oil gepresst wird. Aus einem 60l Leinensack voller Oliven können etwa 15 Liter reines Olivenöl hergestellt werden. Natürlich hatte ich auch schon das Glück, frisch gepresstes Olivenöl zu probieren – aus Oliven, die ich höchstpersönlich geerntet habe! Das junge Öl schmeckt so frisch und fruchtig, dass ich jetzt wohl bis ans Ende meines Lebens verwöhnt bin, was Olivenöl angeht.

Am Ende des Tages werden die Netze eingerollt...

...und die Oliven zum Pressen in die Fabrik gefahren.

Obwohl ich die letzten Wochen an Hunderten von Olivenbäumen vorbeigelaufen bin, war mein Blick zu oberflächlich, um die Schönheit der Natur bewusst zu erkennen. An einem einzigen Baum wachsen Oliven in allen Farben des Regenbogens: hellgrün bis gelb, dunkles grün, rot, blau, violett, schwarz und alles dazwischen. Die nach der Ölpressung zurückbleibenden Steine werden getrocknet und verfeuert, Äste und Blätter dienen als Viehfutter und auch kulturell kommt diesen Bäumen eine ganz besondere Rolle zu. Sogenannte „Monumentale Olivenbäume“ sind über ganz Kreta verstreut und oft viele Jahrhunderte alt, sie sind Zeugen der Geschichte der Insel und stehen unter besonderem Schutz.

Für die Leute ist die Olivenernte ein guter Zusatzverdienst, es gibt ihnen Selbstständigkeit. Viel wichtiger ist aber das Drumherum: die Verbindung mit der Natur, die die landwirtschaftliche Arbeit bietet genauso wie das soziale Beisammensitzen in der Pause. Es gibt alles Mögliche zu essen, ein kleiner Raki ist auch nicht auszuschließen. Und trotz der Anstrengung und der verspannten Schultern am nächsten Morgen ist es eine sehr meditative, befriedigende Arbeit. Bei der wunderschönen Landschaft Sitias gibt es keine bessere Möglichkeit, um den Kopf so richtig frei zu bekommen! Hanna und ich waren mehr als einmal bei der Ernte, denn gerade jetzt während dem Corona-Lockdown ist es eine tolle Gelegenheit, um raus zu kommen. Abgesehen davon macht die Arbeit sehr viel Spaß und die Verpflegung ist super! Übrigens ist ein Hauptziel der UNESCO Global Geoparks die Stärkung der nachhaltigen Entwicklung und des Alternativen Tourismus. Dazu gehört auch Agrartourismus, also gerade solche Dinge wie die Olivenernte. Obwohl es mich gerade reizt, so authentische, nicht-touristische Erfahrungen zu machen, finde ich das Konzept sehr gut und auf jeden Fall unterstützenswert!

Das klare Olivenöl ist aus der letzten Saison, die Oliven für das trübere Öl haben wir
 höchstpersönlich geerntet!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen