Mittwoch, 4. November 2020

Warum man an Wasserfässern riechen sollte

 Heute geht es nach Lithines, ein kleines Dorf südlich von Sitia. Schon auf der Fahrt fällt mir auf, dass sich die Landschaft hier deutlich von der im östlichen Teil des Geoparks unterscheidet: es ist nämlich richtig grün! Natürlich liegt das auch an den Olivenbäumen, aber da es in den letzten Tagen viel geregnet hat, sprießen überall Grashalme. Sogar auf Google Maps sieht man, dass sich die Strecke wie ein grünes Band von Nord nach Süd zieht. Lithines ist mit seinen knapp 300 Einwohnern wirklich klein, aber recht alt und mit interessanten Gebäuden und Geschichten.

Während der venezianischen Besetzung errichteten die Herrscher hier einen Turm, um die umliegende Gegend übersehen zu können. Als später die Türken die Insel besetzten, übernahmen sie den Turm für ihre Zwecke. Jahre später, während der griechischen Unabhängigkeitskämpfe, verbarrikadierten sich 390 Männer und Frauen im Gebäude, woraufhin die Widerständler den Turm in die Luft zu sprengen versuchten. Zwar gelang das nicht, aber der Holzboden fing durch die Explosion Feuer. Im verzweifelten Versuch, die Flammen zu löschen, schütteten die Türken ein Fass mit Raki ins Feuer, sie hatten es irrtümlicherweise für Wasser gehalten. Nur eine einzige Frau überlebte und der komplett zerstörte Turm wurde nie wieder aufgebaut. Tja, die Verwechslungsgefahr zwischen Wasser und Raki ist auch mir schon aufgefallen, aber mit weniger dramatischem Ausgang…

Auch ohne Turm hat Lithines einiges zu bieten. Die Sträßchen sind so eng und verwinkelt, dass ich zur Abwechslung mal nicht um mein Leben fürchten muss, sobald ich das Haus verlasse, und das Dorf strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Die Häuser sind durch kleine Gassen, Innenhöfe und schmale Treppen und Stufen so miteinander verbunden, dass das ganze Dorf wie ein einziger Häuserkomplex wirkt. Mit weiß getünchten Häusern, blühenden Pflanzen und einem atemberaubend schönen Abendhimmel könnte das Ganze einem Reisemagazin entspringen!

Bald beginnt die Orangensaison...


Die Kirche von Lithines


Die Gassen von Lithines

Ein besonders schön restauriertes Gebäude dient als Lagerraum für volkskundige Gegenstände aus allen möglichen Zeiten: neben gerahmten Fotografien der ehemaligen griechischen Monarchen steht ein altes Feldtelefon, mit Korb umflochtene Glasgefäße, ein Webstuhl und Schafsschädel. Ich komme mir so vor, als wäre ich in einem Wimmelbild gelandet! Einige dieser Gegenstände werden irgendwann in Folklore-Museen ausgestellt, bis dahin werden sie hier gelagert.

Folklore-Museen gibt es auf Kreta viele, hier werden alle
möglichen volkskundigen Gegenstände gelagert

So schön die kleine Stadtführung auch war, jetzt beginnt der zweite Teil des Abends: Kazani! Dieses Mal in kleinerem, familiärem Rahmen. Natürlich gibt es auch dieses Mal Unmengen an fantastischem Essen: frisches Pitabrot, Kartoffel-Lamm-Eintopf, Souvlaki und gegrilltes Gemüse, Dakos, Baklava, Zitronenkuchen und und und. Der Granatapfelvorrat hört nicht auf und sobald die Raki-Flasche leer ist, wird sie am Fass wieder aufgefüllt. Irgendwann holt einer der Männer eine Lyra heraus und beginnt zu spielen. Es sind Verse des Erotokritos, einer Liebesgeschichte des berühmten aus Sitia stammenden Dichters Vitsentzos Kornaros. Es dauert nicht lange, bis Einige anfangen, den stiakos pidichtos zu tanzen, den „Sitianischen Hüpftanz“, der aufgrund seiner kulturellen Bedeutung sogar unter immateriellem UNESCO-Schutz steht. Es herrscht eine besondere Stimmung, die sich kaum in Fotos oder Videos und schon gar nicht mit Wörtern beschreiben lässt. Man muss eine Kazani einfach mal selbst erlebt haben!

Wie genau Raki hergestellt wird, könnt ihr im Post über die Toplou-Kazani nachlesen

Alles vom Grill hat ausnahmslos gut geschmeckt...

Lamm-Kartoffel-Eintopf, das Lamm stand vor ein paar Tagen noch auf der Weide in Sitia

Kretische Volksmusik ist sehr besonders, es lohnt sich, mal reinzuhören

Der sitianische Volkstanz darf auch nicht fehlen!

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