Montag, 9. November 2020

Sitias geheimer Urwald

Spontan dürfen wir heute trotz Lockdown einen kleinen Ausflug in den Geopark unternehmen und zwar in die Richtis-Schlucht. Im Sommer gehört sie zu den beliebtesten Besuchszielen der Umgebung und zieht mehrere hundert Touristen am Tag an.

Die Schlucht befindet sich nahe des Dorfes Exo Mouliana. Wir stellen das Auto nicht oben auf dem Parkplatz ab, sondern fahren bis runter in die Schlucht. An der aus dem Jahr 1907 stammenden Steinbrücke Lachnas beginnt der Wanderweg. Bis zum berühmten Wasserfall, von dem die Schlucht ihren Namen hat (Wasserfall = richtis im kretischen Dialekt), sind es 1,8km und bis zum Ende der Schlucht beziehungsweise dem Strand sind es 3,3km. Obwohl ich behaupten würde, dass Hanna und ich beide fit unterwegs sind, können wir mit Vangelis kaum mithalten! Dazu kommen noch die schwülen Temperaturen und ich fühle mich wirklich wie in den Tropen! Ich nehme mir natürlich trotzdem die Zeit, Fotos zu machen und die Umgebung zu bewundern.

Die Richtis-Schlucht ähnelt dem Rest des Parks keineswegs, es ist hier so grün und dicht bewachsen wie ich es sonst in der Umgebung Sitias noch nicht gesehen habe. Abgesehen von Olivenbäumen und dem Palmenwald Vai gibt es in Ostkreta kaum Bäume, dafür ist es im Sommer zu heiß und zu trocken. Da der Fluss aber ganzjährig durch die Richtis-Schlucht fließt, hat sich hier eine einzigartige Flora und Fauna entwickelt. Das Blätterdach ist an einigen Stellen so dicht, dass es an einem bewölkten Tag wie heute richtig dunkel ist! Brombeersträucher säumen den Pfad, hin und wieder hängen Lianen um Weg. Sogar kanarische Phönixpalmen fühlen sich hier wohl, allerdings sind sie problematisch, da sie das heimische Ökosystem stören. Vangelis weist uns auf besondere Pflanzenarten hin, erzählt uns etwas über die Wassermühlen in der Schlucht und zeigt uns einen Strauch mit wildem Salbei, von dem wir uns direkt etwas mitnehmen.

Erst vor wenigen Tagen wurden die Holzstege fertiggestellt, die den Weg an einigen Stellen erleichtern sollen. Trotzdem ist der Weg gerade bei leichtem Nieselregen nicht zu unterschätzen, da der Bach überquert oder Felsen überwunden werden müssen. Uns macht das natürlich nichts aus, aber im Sommer staut sich der Verkehr vermutlich an der einen oder anderen Stelle.

Schließlich erreichen wir den Wasserfall. Etwa zwanzig Meter fällt das Wasser und sammelt sich in einem kleinen Pool, wo Besucher im Sommer nur zu gerne ein erfrischendes Bad nehmen. Problematisch wird es dann, wenn Shampoo und Sonnencreme das Wasser so stark verschmutzen, dass das Ökosystem gestört wird. Baden reizt mich gerade allerdings nicht, denn mittlerweile nieselt es durchgehend und wir machen uns relativ schnell wieder auf den Rückweg.

Gerade weil ich bei „Schlucht“ eher an eine karge Karstlandschaft wie bei der Schlucht von Kato Zakros gedacht habe, war ich überrascht und beeindruckt von Richtis. Ich möchte auf jeden Fall nochmal im Frühling wiederkommen, wenn die ganzen Pflanzen blühen. Aber auch so hat sich der Ausflug trotz des schlechten Wetters gelohnt!

Die Lachnes-Brücke am Anfang der Richtis-Schlucht

Urwald in der eigentlich kargen Landschaft Sitias

Der berühmte Wasserfall

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